Thekenexperten: Was nun?

Beitrag von | 10.März 2015 | Kategorie: Thekenexperten

„So wütend war ich lange nicht mehr nach einem Heimspiel“, tat ein vor mir her wandelnder Eintracht-Fan beim Verlassen des Stadions seinen Unmut kund. An anderer Stelle die Verlautbarung: „Wir können momentan froh sein, dass wir bereits 34 Punkte auf dem Konto haben. Die Siegesserie aus der Hinrunde hält uns am Leben.“ Zugegebenermaßen ging es mir ähnlich, nachdem ich selbst Zeuge der blutleeren Vorstellung der Blau-Gelben gegen den FC St. Pauli geworden war.

Ob der aggressiven Verteidigungshaltung der Gäste aus Hamburg hatte mein Blocknachbar schon früh erkannt: „Wir müssen schneller in die Spitze spielen. So baust du nicht genügend Druck auf.“ Die Löwen dagegen verweigerten sich gegen dieses Mittel, schoben den Ball stattdessen pausenlos durch die eigene Abwehrreihe. „Die zehn Meter vor der Mittellinie gehören uns“, bemerkte ein anderer Zuschauer sarkastisch. Gefühlt war das Spielgerät zu 90% der Spielzeit im Besitz der Eintracht – echte Gefahr entstand aber nie. Die Kiezkicker dagegen machten – wenn sie sich denn mal entschieden, selbst das Zepter der Handlung in die Hand zu nehmen – von eben genanntem Konzept Gebrauch: Die Außenspieler kreuzten in den leeren Raum, wohin der Ball unverzüglich steil und scharf aus dem Mittelfeld getrieben wurde. Glücklicherweise geschah dies ebenfalls ohne direkten Ertrag, dennoch brachten sie die Eintracht somit ein ums andere Mal mächtig ins Arbeiten.

Das allein aber war nicht der Grund für die Heimniederlage. Eher war es die Pomadigkeit im Spiel der Braunschweiger. Symptomatisch dafür war die Szene, die letztlich zum 0:1 führte: Decarli hatte in dieser Situation eine gefühlte Ewigkeit Zeit, um den Ball aus dem eigenen Strafraum zu klären, ließ sich jedoch noch von seinem Gegenspieler abkochen. Aus dem nun unausweichlichen Zweikampf resultierte der Eckball, den die Gäste zur Führung nutzten. Beim zweiten Gegentreffer ließ sich erneut fehlende Gedankenschnelle ausmachen – ein Stellungsfehler, der Sobiech den Kopfball zum zweiten Tor erlaubte. Signifikant, dass den Hamburgern zwei Standardsituationen genügten, um die drei Punkte zu entführen. Situationen, die im Fußballsport von enormer Wichtigkeit sind, sogar überlebenswichtig sein können, wenn aus dem Spiel heraus einfach die nötigen Mittel fehlen. Situationen, bei denen die Löwen selbst leider nach wie vor zu harmlos sind.

Auf der Gegenseite war Emil Berggreen bei Sobiech so gut aufgehoben, wie es seiner Zeit auch Erich Probst bei Werner Liebrich im WM-Halbfinale 1954 gewesen ist (Zitat Heribert Meisel: „Der Probst ist ja bei Liebrich so was von aufgehoben, als wäre er ein Wickelkind und der Liebrich seine Mutter“).

Die Gründe für die fehlende Leistung? Die gilt es jetzt für das Trainerteam zu erörtern. Vielleicht zu viel Rotation? Einige Spieler wurden zuletzt von ihren angestammten und starken Positionen „wegrotiert“. So ist es schwierig, sich im Feinschliff aufeinander abzustimmen – auch wenn Lieberknecht teilweise auf Verletzungen beziehungsweise Sperren zu reagieren hatte. Oder war es doch die Belastung der Englischen Woche? Bei aller Liebe: Von Profis sollte man durchaus erwarten können, genügend Treibstoff im Tank zu haben, um ab und an drei Spiele innerhalb einer Woche absolvieren zu können – immerhin haben die Löwen ja nicht mit der Dauerbelastung eines internationalen Wettbewerbs zu kämpfen.

Trotz allem Unmut, der jetzt bei dem einen oder anderen aufgekommen sein mag: Das schlimmste, was jetzt passieren kann, ist die Köpfe hängen zu lassen (sowohl bei Spielern und Verantwortlichen als auch bei der Anhängerschaft) und die Unterstützung einzustellen. Kritik muss erlaubt sein, das ist klar. Warum aber soll eine Siegesserie nicht auch in der Rückrunde möglich sein? Woran es aktuell vielleicht am meisten hapert, ist das nötige Selbstvertrauen. Nächstes Wochenende besteht schon in Sandhausen die Möglichkeit, eben dieses wieder zu sammeln und vielleicht sogar den Grundstein für eine neue Erfolgsserie zu legen.

Autor

Christoph Köchy

Christoph Köchy schrieb die BZ-Kolumnen "Wahre Liebe ist..." und "Der Löwe lebt" und fand, es war an der Zeit für einen Eintracht Fan-Blog.