Thekenexperten: Mit zwei blauen Augen davongekommen

Beitrag von | 25.Oktober 2014 | Kategorie: Thekenexperten

Fassungslos blickten die Zuschauer auf den frisch verlegten Rasen im Eintracht-Stadion. Vornehmlich auf der Südhälfte des Stadions spielte sich das Geschehen in den ersten 35 Minuten des Spiels der Blau-Gelben gegen Greuther Fürth ab – solange die Platzwahl wie gewohnt ausfällt, soll auf dieser Seite der Mittellinie möglichst nur im zweiten Durchgang etwas los sein.

Einige Zaungäste waren sprachlos, angesichts der erschreckend zurückhaltenden Spielweise der Löwen. Andere wiederum machten ihrem Unmut durch laute Einwürfe Luft. Mit „Immer einen Schritt zu spät“ oder „die Fürther spielen hier, als wären sie die Heimmannschaft“ lassen sich die Äußerungen nach Filterung der Fäkalsprache zusammenfassen.

Auch mein Vordermann war nach einer erneuten Unzulänglichkeit im Braunschweiger Mittelfeld vor Raserei nicht mehr zu halten: „Die sind jawohl nicht mehr von allen guten Geistern da“, stolperte der rüstige Herr über die angestrebte Redewendung. Die Gründe für die verbalen Ausfälle bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Wer das Spiel gesehen hat, kennt sie zur Genüge. So ängstlich und zurückhaltend, wie sich die Eintracht präsentierte, konnte einem nur Bange werden. „Kein Selbstvertrauen, kein Körpereinsatz“, war in der Halbzeit zu vernehmen. „Richtig, die besseren Chancen hatten trotzdem wir“, wurde entgegnet. Gemeint war der KO-Schuss Benjamin Kessels sowie die Halbchance des Norwegers Hedenstad. Nichtsdestotrotz erinnerten die fußballerischen Geschehnisse an eine Pokalpartie zwischen einem Landes- und einem Kreisligisten: Die einen machen das Spiel, bauen Druck auf – und naja, zu Gunsten der anderen rutscht ab und an vielleicht mal ein Befreiungsschlag durch und sorgt für etwas Gefahr.

Nach dem Fürther Doppelschlag im Anschluss an den Seitenwechsel erwischte auch ich mich bei der Sehnsucht nach dem Abpfiff, sodass das Elend schnell vorbei sein möge – ein Wunsch, den ich bei einem Stadionbesuch schon lange nicht mehr hegte. „Jetzt kriegen wir noch richtig die Hütte voll“, wurde mein Gedanke prompt in meinem Rücken verbalisiert. Ein schneller Blick zur Uhr manifestierte aber die Gewissheit, dass der Schiedsrichter noch nicht allzu bald ein Erbarmen mit uns haben würde … 22 Minuten errechnete ich als Restzeit bis zur Erlösung.

Dass Benjamin Kessel vier Minuten später plötzlich wieder Hoffnung aufkeimen ließ, schienen meine Blocknachbarn genauso sehr erwartet zu haben wie die Punktausbeute der Deutschen Nationalelf bei der jüngsten Länderspielpause. Es wirkte beinahe so, als wären viele Zuschauer – wenn sie denn nicht schon längst den Heimweg angetreten hatten – ob der bisherigen Leistung fast schon zu beleidigt, um die Arme hochzureißen. Und plötzlich drehte sich der Spielverlauf. „Geht doch. Warum nicht gleich so?“

Endlich war auf der richtigen Seite des Spielfeldes Alarm. Die Eintracht schien, als hätte Kessels Herzrhythmusmassage seine Wirkung nicht verfehlt – und als eben dieser in aller letzter Sekunde gar den Ausgleich erzielte, haben die auf den Rängen ausgeschütteten Endorphine wohl so manchen gerade noch einmal durch das Restwochenende gerettet. „Heute haben wir 2:2 gewonnen“, nehme ich auf dem Weg aus dem Stadion skeptisch zur Kenntnis. Naja, „gewonnen“ ist des Guten vielleicht etwas zu viel. Mein Block-Vordermann hätte es vermutlich so formuliert: „Da sind wir noch mal mit zwei blauen Augen verlassen worden“ … oder so ähnlich.

Autor

Christoph Köchy

Christoph Köchy schrieb die BZ-Kolumnen "Wahre Liebe ist..." und "Der Löwe lebt" und fand, es war an der Zeit für einen Eintracht Fan-Blog.