Thekenexperten: Leichte Schläge auf den Hinterkopf

Beitrag von | 02.September 2014 | Kategorie: Thekenexperten

Auf in die nächste Schlacht – aus Zeitgründen dieses Mal mit dem Taxi. Etwas spät im Stadion angekommen, noch schnell den Ordner sein sporadisches Werk der Leibesdurchsuchung verrichten lassen und los geht’s. Erstmal ein Gerstenkaltgetränk … verdammt, die wegrationalisierte Bierbude vor meinem Block macht mir einen Strich durch die Rechnung. Dann heute eben trocken in den Tempel. Eine Bratwurst muss als nahrhaftes Frühstück genügen.

Im Block angekommen, nehme ich mit Freude zur Kenntnis, dass der kleine Junge direkt vor mir heute seine Fahne mitgebracht hat. Der hintere Nachbar weist uns bereits im Vorfeld der Partie freundlich und grinsend auf seinen geplanten Jubel hin: „Bei jedem Tor gibt es für euch heute einen Schlag auf den Hinterkopf.“ Nach kurzer Diskussion können wir doch noch den Kompromiss eines einfachen Schulterklopfens aushandeln – wie ich später merken würde, sollte mein Gesicht noch auf andere Weise malträtiert werden.

Den ersten Nackenschlag besorgt aber Simon Terodde – was von dem Vater des kleinen Fahnenschwenkers ausnahmsweise schweigend zur Kenntnis genommen wird. Ansonsten können sich die umliegenden Zuschauer eines fast permanenten Spielkommentars erfreuen, wobei dem Sprecher regelmäßig einfach zu wenige Akteure in blau-gelber Kleidung auf dem Platz zu finden sind: „Dogan jetzt nach außen – mach mit, Reichel – jetzt auf die andere Seite und Flanke – WIESO IST DA KEINER?! Letzter Ausspruch ist in den 90 Minuten der meistgehörte in meinem Umfeld. Zugegeben, ab und an hat er ja recht, wenn er sich über mangelnde Abnehmer der Anspiele in den Strafraum beschwert.

Nach Bolands zwischenzeitlichem Ausgleich – begleitet von dem einleuchtenden Kommentar aus anderer Richtung: „Wenn er in Lautern schon den rechten Fuß genommen hätte, hätten wir da zwei Tore gemacht“ – bat der junge Mann zum ersten Mal bei seinem Erzeuger um Erlaubnis, die Fahne schwenken zu dürfen. Klar doch, ist ja schön, wenn jeder zur Stimmung beiträgt – auch wenn die ausladenden Bewegungen mehrfach in meinem Antlitz enden.

In der zweiten Hälfte wird die Wortwahl dann gröber. Der Kommentator macht keinen Hehl aus seinem Unmut über die gezeigte Leistung, während ich 45 Minuten lang Gymnastik betreibe, um – an der Flagge vorbei – doch noch den einen oder anderen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Plötzlich die kollektive Forderung nach einem Handelfmeter. Mist, ich konnte die Situation nicht erkennen. Der kleine Fan hat mit gerade erneut das Fahnentuch ins Auge geschlagen.

In der Kneipe neben dem Stadion macht sich im Anschluss an die 1:2-Niederlage Tristesse, mitunter sogar Unmut breit. Manch einer schreit gar schon nach einem Trainerwechsel. Gott sei dank vermag es auf der abschließenden Busfahrt ein Anhänger, die Wogen zu glätten und mit einem Blick in die Zukunft alle Gemüter zu beruhigen: „Ist doch alles halb so wild. Insgesamt sind es doch 38 Spiele. Nee, oder sind es 36? Also in der Bundesliga sind es 34, das weiß ich.“ Recht hat er, vier Spiele sind absolviert, 34 stehen noch aus. Oder 32? Oder 30? Egal, in jeden Fall sollte die Zeit des Unmutes, der Resignation und der Trainerdiskussionen noch in weiter Ferne liegen … und manchmal hilft auch etwas Vertrauen oder eben leichte Schläge auf den Hinterkopf.

Autor

Christoph Köchy

Christoph Köchy schrieb die BZ-Kolumnen "Wahre Liebe ist..." und "Der Löwe lebt" und fand, es war an der Zeit für einen Eintracht Fan-Blog.