Thekenexperten: Es wird Zeit für ausgelassenen Jubel

Beitrag von | 05.März 2015 | Kategorie: Thekenexperten

Englische Wochen haben im Fußball doch wirklich etwas für sich. Das ewig lange Warten, bis man endlich wieder mit den eigenen Farben mitfiebern darf, fällt weg. Keine Werktagstristesse zwischen der Wochenendroutine. Für unsere Blau-Gelben hieß das in diesem Fall: Erst geht es nach Darmstadt, bevor man unter der Woche bei diesem FC Bayern München antreten darf, von dem alle Welt spricht. Die Pflicht vor der Kür, der Square Dance vor dem Opernball quasi – oder aber Fußballromantik am Böllenfalltor vor der Schickeria-Parade im Münchner Schlauchboot.

Freitag, 18:30. Der Ligaalltag bei den Lilien aus Darmstadt beginnt. Gemeinsam mit einem Kumpel habe ich mich im Domizil dessen Vaters eingefunden, um die Partie der Löwen zu beobachten. Vorab gibt es neue und alte Kriegsgeschichten des Amateurfußballs auf die Ohren – Geschichten, die das gemeinsame Fußballgucken oft erst richtig interessant werden lassen. Als sich das Spiel mehr und mehr so unterhaltsam gestaltet wie die Landtagswahlen im Freistaat Bayern, entscheidet der Vater – nennen wir ihn Frank –, dass ein Schnaps vielleicht helfen könnte, der Rezeption die nötige Würze beizumischen. Mit den Worten „es reicht doch, wenn wir in der 89. Minute das 1:0 machen“, wird der erste Likör kredenzt. Je näher der Boden der Flasche rückt, desto lauter die Gespräche und damit auch die Kommentare bezüglich des Schiedsrichters. Es ist doch immer interessant, wie soziale Konventionen der Höflichkeit in Vergessenheit geraten, wenn sich der Empfänger der Aussprüche deutlich außer Hörweite befindet – ein weiterer Aspekt, der für viele den Reiz des passiven Sports ausmacht.

Als Benjamin Kessel Frank in der 89. Minute zum Propheten machen will und die gesamte Wohnzimmergarnitur schon dem ausschweifenden Jubel Platz macht, erweist sich lediglich die Fahne des Linienrichters als Stolperstein. Stattdessen sorgt Jan Rosenthal wenige Sekunden vor dem Abpfiff für verdutzte Blicke unter dem schnapsschwangeren Publikum. „Ausgerechnet der West-Peiner“, murrt es leise in meinem Rücken. Egal, Mund abputzen und für die Sensation am Mittwoch schon einmal den Gegner unter die Lupe nehmen – dessen Aufeinandertreffen mit den Kölnern steht ja unmittelbar im Anschluss auch noch an. Die Bayern gewinnen 4:1, was den likörbedingten Optimismus aber nur wenig trüben sollte. „Wir hauen die am Mittwoch trotzdem raus.“

Mittwoch, 20:30. Das Spiel in München beginnt mit der akustischen Untermalung, die jeder Amateurfußballer von den Grantplätzen dieser Welt nur zu gut kennt und ohne die das Wochenende für jeden Kreisklassenästheten unvollkommen erscheint. „Grätsch den um!“ „Der Siebener kann nichts.“ „Das war eine Tätlichkeit und der bekommt nicht einmal Gelb?!“ Letzterer Ausruf ist allerdings durchaus gerechtfertigt. Für das Nachtreten gegen Kessel hätte Franck Ribéry von so manchem Schiedsrichter den roten Karton zu sehen bekommen – zumindest, wenn er ein anderes Trikot tragen würde, mag der eine oder andere Verschwörungstheoretiker jetzt denken. Auch das Foul, welches kurz vor dem Seitenwechsel den bayrischen Führungstreffer bedingt, ist durchaus streitbar.

Am Ende steht ein 2:0 für den FCB, bei dem sich die Löwen aber achtbar aus der Affäre ziehen. Auch demjenigen, der mich nach etwa 30 Spielminuten frug, wer denn weiterkommen würde, wenn es nach 90. Minuten unentschieden stünde (ja, das ist tatsächlich passiert), bleiben somit nach Spielende keine Fragen offen.

„Die Bayern ziehen glanzlos in die nächste Runde ein“, ist der Tenor der Medien am Tag nach dem Pokalspiel. In den sozialen Medien wird die erwartete Niederlage vom Gros der Eintracht-Anhänger mit einer „Immerhin-besser-als-der-HSV-Mentalität“ verarbeitet. Die größte Braunschweiger Tageszeitung dagegen dreht in ihrer Donnerstagsausgabe kurzerhand das Ergebnis um und erklärt die Blau-Gelben zum 2:0-Sieger. Das ist ein Ergebnis, mit dem am Samstag wohl jeder zufrieden wäre, wenn zum Abschluss der englischen Woche der FC St. Pauli im Tempel gastiert. Zum Wiedereinstieg in die Wochenendroutine wäre es nämlich durchaus mal wieder an der Zeit für ausgelassenen Jubel an der Hamburger Straße.

Autor

Christoph Köchy

Christoph Köchy schrieb die BZ-Kolumnen "Wahre Liebe ist..." und "Der Löwe lebt" und fand, es war an der Zeit für einen Eintracht Fan-Blog.