Thekenexperten: Die Kehrtwende!?

Beitrag von | 30.April 2015 | Kategorie: Thekenexperten
Thekenexperten

Eine alte Fußballfloskel besagt sinngemäß: Wer in der Rangliste unten steht, kann noch so gut spielen und sogar über weite Teile eines Spiels in Führung liegen, verliert am Ende aber trotzdem. Trafen gemeinte Vereine in jüngerer Vergangenheit auf Eintracht Braunschweig, schien diese „Weisheit“ häufig ad absurdum geführt. Zu oft präsentierten sich die Löwen gegen Mannschaften vom Tabellenende als gern gesehener Aufbaugegner. Fast konnte man meinen, dass Abstiegskandidaten fieberhaft im Kalender nach dem Datum suchten, an dem sie endlich gegen die Blau-Gelben antreten durften, um das Ruder vielleicht doch noch herumreißen zu können.

Im Montagsspiel des 30. Spieltags der Zweitligasaison 2014/2015 bewahrheitete sich das Sportsprichwort aber mal wieder. Endlich, muss man aus Sicht eines Eintracht-Anhängers schon beinahe sagen – und das, obwohl der Unmut des Publikums beim Pausenpfiff zunächst anderes suggerierte.

Die Kehrtwende, welche die Truppe von Torsten Lieberknecht im zweiten Durchgang bewerkstelligte, sorgte in der Gesamtheit nicht nur für die torreichsten, sondern auch für die emotionalsten 90 Minuten, die an der Hamburger Straße seit längerem zu bestaunen waren. Ein Auf und Ab der Gefühlslage auf den Rängen bildete das Spiegelbild der sportlichen Bemühungen auf dem Rasen.

Die raren positiven Impulse der ersten Halbzeit wurden in erster Linie von einem Debütanten übermittelt: Gerrit Holtmann bereitete nicht nur den Treffer zum 1:0 vor. Dem 20-Jährigen – der sonst in der Regionalliga wirbelt – war zu jedem Zeitpunkt anzumerken, dass er darauf pochte, bei seinem ersten Auftritt im Unterhaus direkt eine Duftmarke zu hinterlassen. Wenn Eintracht vor dem Seitenwechsel für Gefahr sorgte, dann zumeist über die von Holtmann beackerte linke Seite.

Außerdem interessant – möglicherweise sogar richtungweisend – war die Nominierung von Maximilian Sauer auf der Position des Rechtsverteidigers. In der U23 Eintrachts bekleidet der Rechtsfuß diesen Posten zwar regelmäßig, bei den Profis kam er zuletzt aber eher im defensiven Mittelfeld zum Einsatz. Nachdem er kürzlich mit einem Profivertrag ausgestattet wurde und vor dem Hintergrund des Weggangs Benjamin Kessels zum Saisonende, kann dieser taktische Schachzug wohl als Alternativerörterung erachtet werden.

Für die – weitaus überwiegenden – negativen Aspekte vor dem Pausentee hatte mein Stadionnachbar unmittelbar einen Lösungsvorschlag: „Vielleicht fangt ihr mal an, von eurem eigenen Spiel eine Videoanalyse zu machen. Dann sehen wir hier auch nicht Woche für Woche genau die gleichen Fehler.“ Gemeint war vorrangig das desolate Verteidigungsverhalten. Die Gäste hatten wiederholt viel zu viel Raum, um Bälle zu verarbeiten, das eigene Passspiel aufzuziehen. Außerdem kontrollierten die Auer die so genannten – und ebenso wichtigen – zweiten Bälle nach Belieben. „Da gehst du in Führung, stellst dann das Fußballspielen ein und musst dir vom Vorletzten zeigen lassen, wie man vernünftig kombiniert“, wurde aufgebracht angefügt.

Möglicherweise hat das Trainergespann die Sichtung des eigenen Fehlverhaltens der vergangenen Wochen in der Halbzeit nachgeholt. In jedem Fall wurden die angeprangerten Mängel nach der Pause minimiert – zumindest in der letzten halben Stunde.

Der Platzverweis Maximilian Sauers mitten in der gewohnt choreographierten, verbalen Bestätigung des 2:2-Ausgleichs durch Stadionsprecher Lindstedt tat der Angriffslust keinen Abbruch, ließ gegenteilig sogar eher eine „Jetzt-erst-recht-Stimmung“ aufkommen – auf dem Rasen wie auch auf den Rängen.

Auch die Spielerwechsel trugen endlich einmal Früchte. Emil Berggreen traf zur erneuten Führung und besorgte zudem den feierlichen Moment des ersten Elfmeters der Saison, den der ebenfalls eingewechselte Marc Pfitzner nutzte, um den Fluch des Aufbaugegners endgültig zu brechen und eingangs beschriebene Floskel wieder in ihrer Glaubwürdigkeit zu bestärken.

Autor

Tobias Feuerhahn