Wie Liverpool mittels Datenanalyse fast einen Titel gewann

Beitrag von | 29.Mai 2018 | Kategorie: Just one before I die

Beinahe hätte es für Liverpool gereicht. Eine Statue von Jürgen Klopp wäre wohl neben Bill Shankly aufgestellt worden und „Mo Salah, running down the wing, the Egpytian King“ hätte es noch Jahre später aus den Pubs geklungen. Aber hätte, hätte Herrentoilette. Die fleischgewordene Abrissbirne Sergio Ramos hatte das Best of Vinnie Jones Video gut studiert und dass es mit Karius & Baktus löchrig wird, haben wir doch auch schon im Kindergarten gelernt.

Trotzdem war es kein Zufall, dass die Reds im Endspiel standen. Wer meine letzte Kolumne gelesen hat, wird wissen, dass es wohl auch nicht nur an Jürgen Klopp gelegen haben kann. Stattdessen ist Liverpool ein gutes Beispiel dafür, wie man mit einfachsten Mitteln der Datenanalyse einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz erzielen kann.

Beim Owner Fenway Sports Group reiben sie sich wahrscheinlich die Hände und können ihr Glück kaum fassen. Müssen sie sich bei ihrem Baseballclub Boston Red Sox mit höherer Mathematik auseinandersetzen um besser als die Konkurrenz zu sein, reicht für die UEFA Champions League ein Statistik-Grundkurs. Denn die Konkurrenz verpflichtet Spieler gerne mal nach dem Bauchgefühl des Sportdirektors oder Scouts. Ich bin da skeptisch und glaube, dass das Bauchgefühl eher auf die Stadionwurst zurückzuführen ist.

Liverpool geht hingegen äußerst systematisch bei der Verpflichtung von Spielern vor und der Erfolg gibt ihnen Recht. In den letzten Jahren verpflichteten sie mit Roberto Firmino, Sadio Mané und Mohamed Salah drei Offensivspieler (ausgenommen Mittelstürmer) und landeten damit drei Treffer. Zur Auswahl der Spieler stützte sich Liverpool auf die Qualität der Chancen (ausgedrückt in zu erwartenden Toren) und die Qualität der möglichen Vorlagen (ausgedrückt in zu erwartenden Assists). Klingt zwar gleich, ist aber nicht gleich der Anzahl der Chancen, wie sie im TV zur Halbzeit oder im Kicker angezeigt werden. Denn hierbei werden Torchancen lediglich gezählt, wohingegen Liverpool die Qualität der Chance basierend auf Torentfernung, Winkel etc. berücksichtigt.

Ziel ist es ja einen Spieler zu verpflichten, der anschließend gut oder sogar besser als vorher für die neue Mannschaft spielt. Die Anzahl der geschossenen Tore oder Assists ist jedoch nicht der beste Indikator dafür, wie ein Spieler zukünftig trifft bzw. vorbereitet. Denn die Anzahl der Tore hängt zu sehr vom Schussglück in der letzten Saison ab. Sowohl das eigene Schussglück, als auch das Schussglück der Mitspieler, denen man Torchancen aufgelegt hat.

Die Qualität der Chancen und die Qualität der Vorlagen schwanken jedoch viel weniger im Laufe der Jahre. Somit sind sie der viel bessere Indikator für die Qualität der Spieler. Christiano Ronaldo ist einer der besten Spieler der Welt, nachweislich nicht wegen seiner Abschlussstärke, er hat einfach nur bessere Torchancen als andere Spieler.

Die Reds haben einfach alle Spieler der großen Ligen so analysiert und mangels eigener Finanzkraft die Spieler der großen Top-Clubs gestrichen. Macht ja auch keinen Sinn Messi zu scouten, wenn man ihn nicht bezahlen kann. Heraus kamen Mané, Firmino und Salah die man erfolgreich kaufen konnte. Kevin de Bruyne und Ousmane Dembele waren auch auf der Liste, waren aber am Ende zu teuer. Außerdem noch Lorenzo Insigne von Lazio Rom. Da lehne ich mich mal aus dem Fenster, den kaufen sie diesen Sommer.

Vor Jahren hatte ich übrigens mal die Gelegenheit mit einem Profitrainer über das Thema Datenanalyse bei der Spielerauswahl zu sprechen. Er erwähnte auch gleich, dass ein Trainerkollege aus Liverpool ihn kürzlich dazu angerufen habe. Mein Gesprächspartner war jedoch der Meinung, dass das nichts bringe. Ich hatte keine Lust auf ein Streitgespräch und wechselte schnell das Thema. Damals dachte ich, er ist vielleicht einfach nur von den Scouting-Qualitäten seines Sportdirektors überzeugt, heute weiß ich es natürlich besser.

Autor

Rainer Rex

Rainer wurde Anfang der 90iger vom Eintracht-Virus erfasst. Als er '93 das Stadion nach dem Abstieg verließ, ärgerte er sich über das anstehende Jahr dritte Liga. Leider kam es anders und er lernte Norddeutschlands Dorfplätze kennen. Da er meistens den Wagen fuhr und selten drei Punkte im Gepäck waren, hatte er viel Zeit zum Nachdenken. Als Fußballer hatte er es nur in die Kreisklasse geschafft, also konzentrierte er sich darauf, wie man gewinnen kann ohne mit dem Ball zu arbeiten.