Lebenszeichen aus der Eintracht-Diaspora

Beitrag von | 06.März 2014 | Kategorie: Diaspora
aufmacher_generell_diaspora

Es ist geschafft! Endlich! Nahezu vier Monate hat der karnevalistische Wahnsinn in dieser Session gedauert. Unglaublich. Spätestens seit Anfang Dezember, als die ersten Sitzungen begannen, tobten hier vermeintlich lustig verkleidete Personen durch die Straßen, sangen dämliche Canada goose deutschland Lieder (die vorwiegend einen verblendeten Narzissmus beinhalten) über ihre Verbundenheit zur heimatlichen Zweitligastadt und gossen literweise schales Bier, ääh Kölsch, in sich rein.Liedbeispiele gefällig? „Es gibt kein Wort, das sagen könnt´, was ich fühl, wenn ich an Köln denk´- ohohoh“ (ich schon – Scheißzweitligapennerdiemirtierischaufdensackgehenmitihrervölligasozialenundmasslosenselbstüberschätzungalsolasstmichblossinruhe). Noch eins? Aber bitte gerne. „Du bist meine Liebe (kotz), meine Stadt und mein Verein (aargh, scheiße zu wenig Mageninhalt vorhanden) – es gibt eine Million Gründe, auf diese Stadt stolz zu sein“ (ich wüsste noch nicht mal drei). Genug jetzt davon.

Vom waaaaahnsinnigen Einfallsreichtum vieler Narren (hier in dieser Stadt passt dieser Ausdruck perfekt), zu meinen, sie würden durch ein Köln-Trikot (Fußball) oder Köln-Trikot (Eishockey) respektive durch eine Köln-Latzhose (nur Fußball – mit riesiger Ziege… iihh!) oder Köln-Latzhose (mit ca. 131 aufgedruckten Stadtwappen) ein außergewöhnliches Karnevalskostüm präsentieren, hatte ich ja schon mehrfach berichtet. Ebenso ja von dem Unsinn, diese zum oralen und analen Auswurf gleichzeitig motivierende Lobeshymne von einer Kölner Mundart-Band, die sich wie ein eierlegendes Bauernhof-Tier ruft, auf diesen Ziegenverein seit Jahren im Karneval dauerzuspielen, obwohl sie nichts, aber auch wirklich gar nichts mit dem luuustigen Fest am Rhein zu tun hat. Was ich in den letzten Tagen, als etwa gefühlte 72 Karnevalszüge durch die „super tolerante Stadt“ (auch einem selbstverliebten Köln-Lied entnommen) zogen, wieder einmal nicht verstanden habe, war die Unterbindung von jeglicher Karnevalsstimmung wegen Fernsehfußball.

Da gibt es etwa in einem kleinen Stadtteil einen nicht sehr opulenten Karnevalsumzug, der sich seinen Weg durch die hiesigen Straßen und Gassen bahnt. Hierbei kommt er auch an (immerhin!) sechs Kneipen vorbei. Nun sollte selbst der Nicht-Rheinländer annehmen, alle Inhaber seien geschäftstüchtig, würden die megafette Party veranstalten und diese folglich aus ihren Kneipen nach draußen tragen, um somit noch mehr Publikum anzulocken und letztlich großen Reibach zu machen. Sollte! Aber da kennt ihr den Kölner und seine Zweitliga-Jünger schlecht.

Wie siehts stattdessen aus? Während sich draußen die Jecken warmschunkeln, sitzen in jeder (!) der sechs Kneipen etwa 20-30 missmutig dreinschauende Karnevalisten (also Trikot-Träger, s.o.) vor einer Leinwand und schauen sich Zweitligagekicke aus Aue an. Karneval? Was ist das? Stimmung? Schon mal gar nicht. Karnevalsstimmung? Lass mich bloß in Ruhe. Selbst ein gut gementer Spruch beim Betreten der Kneipen („Hallöchen, ihr Freunde des unterklassigen Fußballs! Warum ist hier denn tote Hose? Es ist doch Karneval! Gleich kommt doch der Zoch! Macht mal Stimmung!“) reißt die doch ansonsten so waaaahnsinnig lustigen Leute nicht aus ihrer Lethargie raus. Na dann eben nicht. Also stimmt man selbst ein lustiges Liedchen an, erntet jedoch schnell blanken Hass (dabei ist der Kölner doch nach Eigenaussage so unglaublich tolerant?!) und ein freundliches „Ich komm dir gleich rüber, du W…!“ Gut, ein letzter Versuch – Interesse heucheln. Also Blick auf die Leinwand gewandt und gefragt: „Oh, spielt die Bundesliga jetzt schon?“ Natürlich kam die gewünschte Antwort prompt: „Nee, du Hirni, das ist die 2. Liga!“. Wichtig: Danach den Laien raushängen lassen! „Ach stimmt ja. Hab mich schon gewundert, warum Aue in der 1. Liga spielt!“ Ein paar schnelle Bier, äähh Kölsch, dann wird man mutiger: „Könntet ihr denn mal umschalten aufs Parallelspiel?“ – „Wen interessiert das denn? Sandhausen gegen 1850 ist doch voll scheiße!“ – „Naja, das da ist aber auch nicht gerade ne fußballerische Delikatesse.“ – „Ja, dann hau doch ab, du Vollpfosten!“ Sagte der – Wirt! „Brauchst auch deinen Deckel nicht bezahlen!!“ Klingt gut. Danke für das Angebot. „Okay tschüss dann.“ Beim Rausgehen gabs als Dank für die spontane Einladung noch einen guten Tipp an die Trauergemeinde: „Wenn ihr richtig guten Fußball sehen wollt, bleibt gleich noch was länger. Nach eurem Vorspiel da spielt ja die 1. Liga!“ Das zerschmetternde Klirren der Kölschglaser an der Eingangstür hörte ich schon von der anderen Seite der Tür.

Doch bekanntlich ist „am Aschermittwoch alles vorbei“ (weiterer super Karnevalshit), der Nubbel verbrannt und die lustigen Latzhosen hängen wieder dort, wo sie hingehören. Weit weg von der Öffentlichkeit im Kleiderschrank. Endlich Ruhe!

Nur der Karneval, der geht hier natürlich weiter. Und zwar jedes Wochenende, wenn die Trikot-Träger durch die Stadt ziehen… Dauer-Alaaf!

Autor

Holger Hoeck

Zu Beginn seiner blau-gelben Leidenschaft Anfang der 80er Jahre trug er noch eine ganz normale Brille Marke Kassengestell. Die trug der Eintracht-Fan aus der Karnevalshochburg Köln auch noch, als er Ende der 80er Jahre meinte, die Eintracht-Fans durch die Produktion eines Fan-Zines namens „Eintracht auf Kölsch“ viermal im Jahr mit Artikeln über seine Eintracht-Touren malträtieren zu müssen. Erst nach sechs Jahren und über 20 Ausgaben hatte er endlich ein Einsehen und stellte sein Heft ein. Stattdessen trieb er sein journalistisches Unwesen später bundesweit durch die Mitarbeit an der überregionalen Fan-Zeitschrift „Match live“. Seine generelle Leidenschaft für die Historie von Fußball-Stadien und hierbei natürlich auch vom Eintracht-Stadion wurde erstmals Ende des 20. Jahrhunderts erhört, als er einige Artikel zum „Großen Buch der deutschen Fußball-Stadien“ (erschienen im Werkstatt-Verlag) beitragen durfte. Auch für die erweiterte Neuauflage des Buches im Jahre 2010 war er tätig und konnte neben dem Beitrag über die Heimat der Blau-Gelben die Geschichte von weiteren, mehr als 20 Stadien nachzeichnen. Zuletzt war es ihm schließlich auch vergönnt, am Aufstiegs-Sonderheft des „Abseits“-Magazins mitschreiben zu dürfen. Und da die Kassenbrille schon vor längerem Kontaktlinsen gewichen ist, ist nun auf der Nase genügend Platz, um sich die blau-gelbe Brille aufzusetzen.