FanSpiegel – Keinen Cent wert

Beitrag von | 21.August 2014 | Kategorie: FanSpiegel
IMG_3865

Bremen Hauptbahnhof, Samstag um kurz vor zwei – ein Regionalexpress rollt ein. Gespannte Stimmung am Gleis, eine stattliche Anzahl dunkel gekleideter Polizeibeamter zieht die Skimasken über, anschließend wird der Helm draufgepackt. Einzelne Polizisten mit Kameras nesteln etwas nervös an ihren Digicams herum, andere haben einen festen Blick und den Schlagstock in Griffweite. Gleich passiert was, gleich gehen die Türen auf. Und heraus kommen rund 500 bunte und zum Teil doch sehr feierwütige Fans der Braunschweiger Eintracht, die zum DFB-Pokalspiel mitgereist sind. Zum Bremer SV. Alarmstufe rot!

Es ist nur ein paar Wochen her, da machte der Bremer Senat große Schlagzeilen. Die Einsätze der Polizei rund um Fußballspiele werden ab sofort in der Hansestadt nicht mehr vom Steuerzahler, sondern von den Veranstaltern – sprich den Verbänden und ihren Vereinen – getragen. Das entschied die Politik und das ist ein Novum, bisher musste die Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit schließlich auch von dem getragen werden, der die Sicherheit haben möchte: Der Öffentlichkeit. In Bremen ist das jetzt anders und prompt wurde dem Weserstadion von den logischer Weise etwas angesäuerten Verbänden ein Länderspiel entzogen. Gut, gegen Gibraltar – aber immerhin.

Dem Fußballfan, der im Allgemeinen auf die Polizei am Spieltag ohnehin nicht immer gut zu sprechen ist, ist ja im Grunde egal, wer am Ende die Zeche zahlt. Ob Verein, Verbände oder die Kommune – die Gedanken macht sich, wenn man ehrlich ist, im Grunde kaum jemand. Und würden sich wohl auch die insgesamt gut 1800 mitgereisten Eintracht-Fans in Bremen nicht machen, wären sie am Samstag nicht Zeuge eines doch arg abstrusen Schauspiels geworden. Der Bremer Bahnhof: Eine Festung, weiträumig abgetrennt durch Absperrgitter und martialische Hundertschaften, die den Braunschweigern den Weg zu Shuttlebussen wiesen. Mit denen es dann im Eiltempo und Blaulicht direkt auf einen in voller Mannstärke abgesicherten Parkplatz am Weserstadion ging. Von wo aus ein ebenfalls hermetisch abgeriegelter Weg direkt zum Gästeeingang führte, Alternativrouten zwecklos – wenn man nicht von genervten Beamten irgendeinen dummen Spruch á la „weiter gehen, Klappe halten“ hören wollte. Dann Ankunft am Gästeblock, irgendwie idyllisch: Denn es geht gar nicht in das große Stadion, es geht auf Platz 11. Zum Bremer SV eben.

Mindestens die Hälfte der Zuschauer dieses doch eher arg langweiligen Pokalspiels kamen aus Braunschweig. Auf der Heimseite waren Sympathisanten des Amateurvereins, eigene Jugendspieler und betagte Fußballinterssierte. Okey, zwei blau-weiße Zaunfähnchen gab es auch – ansonsten: Nichts. Und im Gästebereich? Eine Bierbude (und damit mindestens eine zu wenig), ein bisschen Support und die Gewissheit, dass man den Platz 11 eigentlich gar nicht so sehr vermisst. Randale? Ausschreitungen? Pyro bei einer Anstoßzeit von 15:30 Uhr? Alles Fehlanzeige – wenig verwunderlich. Dafür gab es einiges Gelächter und manchen nicht ganz druckreifen Spruch, als gleich mehrere Polizei-Korps sich ab und an vor und neben den Gästebereich hin und herschoben. Irgendwo müssen die ja am Spieltag auch hin, wenn es den Bahnhof nicht mehr zu bewachen gilt (.. worauf dann auf der Rückfahrt auch gänzlich verzichtet wurde).

Das Spiel beim Bremer SV war nie ein Risikospiel, das hätte jedes Kind im Vorfeld prognostizieren können. Und wenn man mal den kleinen Stop in Hannoi ausklammert, der auf der Rückfahrt dazu führte, dass mancher Maschseebesucher (zu Recht) nicht pünktlich von diesem unsäglichen Event mit dem Zug nach Hause kam, passierte auch rein gar nichts. Und doch fühlte man sich als Zugfahrer am Samstag so, als würde man zu einem Bundesliga-Derby reisen. Polizei wohin das Auge blickt, eingeschränkte Bewegungsradien, genervte Beamte, unfähige Ordner. Warum das Ganze?

Mir ist immer noch reichlich egal, wer in Bremen die Fußballeinsätze zahlt. Aber wenn ein Pokalspiel bei einem Fünftligisten ein derartiges Aufgebot mit sich zieht, sollte der Senat wirklich tätig werden. Und mal nachfragen, warum die Polizeieinsätze an der Weser eigentlich so teuer sind. Dann könnte sich das Problem mit den Verbänden nämlich ganz schnell aus der Welt schaffen – und demnächst Gibraltar wieder im Weserstadion zu einem Länderspiel gastieren.

Bildergalerie

Autor

Robin Koppelmann

freier Journalist, u.a. für die neue Braunschweiger Zeitung, abseits° Magazin, FanPresse-Sprecher, Fotograf im Innenraum des Eintracht-Stadions, Moderator der "Löwenrunde", Stadionsprecher der Eintracht U19 und U23 und nun auch bei brilleblaugelb.de

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.