FanSpiegel – Das hat mit Fußball doch nichts mehr zu tun

Beitrag von | 03.April 2014 | Kategorie: FanSpiegel

.. ist ein bewährtes Zitat von Reportern, Verantwortlichen und Fans, wenn es darum geht, Missstände nach Fußballspielen zu thematisieren. Meistens im Rahmen von hocherhitzten Diskussionen und meistens natürlich entsprechend unsachlich geprägt. Beim Sonntags-Rückspielderby gegen die Roten vom Maschsee ist der Fall nun etwas anders: „Das hat mit Fußball nichts zu tun“ könnte man dieses Mal schon vor dem Spiel sagen.

Ganz ehrlich: Ich gönne Hannoi erstmal so gar nichts. Weder das zugegeben sehr gute S-Bahnnetz, das die Expo mit sich brachte, noch den Europapokal, die Teilnahme an der ersten Liga an sich und schon gar nicht den Klassenerhalt. Ja, ich stehe zu dieser Rivalität und gehöre zu den Menschen, für die das Derby wohl das wichtigste Spiel der Saison wird (.. wenn es keine Relegation mehr geben sollte ;-)). Gleichwohl: Die Fans in Hannoi tun mir im Moment echt leid. Wirklich, auch wenn ich sie eigentlich nicht mag. Weil was da im Moment abgeht, sorgte zwar anfangs für Häme, jetzt aber nur noch für Kopfschütteln. „Ob man lachen oder weinen soll“, wäre hier die richtige Phrase.

Dass Martin Kind als Hardliner bekannt ist, war schon länger bekannt. Dass er seine Fans damit drangsaliert – oder wie es früher mal auf einer Choreo stand, „zum Narren hält“ – ebenfalls. Alles sicher nicht schön, aber doch eher eine hannoversche Provinzposse, auf die man angesichts des eigenen soliden Präsidiums eher mit einem leicht-arroganten Lächeln reagierte, ein Blick in das rote Forum „Das-Fanmagazin.de“ hat da meistens ausgereicht. Doch jetzt ist der Fall wirklich auf einer anderen Ebene: Das „Holland-Modell“ – und nichts anderes ist die kollektive Ticketvergabe mit Busbindung – ist der erste Sargnagel auf der gesamtdeutschen Fankultur. Wird er erfolgreich eingeschlagen, ist es bis zur Beerdigung (oder Einäscherung, kommt auf die Fanszene an) definitiv nicht mehr weit. Dass sich die Hannoier Szene dagegen wehrt ist nur richtig wie hoffnungslos, denn wie der schwarz-weiß-grüne Verein reagiert ist ein noch tieferes Armutszeugnis. Fans, die berechtigter Weise klagen sollen erst mit Ehrenkarten bestochen werden und werden anschließend mit juristischen Spitzfindigkeiten hingehalten. Anderen wird als Kollektivstraße der Verlust der Auswärtsdauerkarte angedroht, auch das ist nur noch eine Frage der Zeit. Und nach der jüngsten Geldstrafe ist es eh nur noch eine Frage der Zeit, bis Kind den Oberrang ohnehin sperren lässt und die Fankurve endgültig mundtot macht. Abartig!

Ein Derby ist nur dann ein Derby, wenn Emotionen auf beiden Seiten aufkommen können. Dazu bedarf es auch Gästefans und dazu bedarf es auch gewisser Freiräume. Unsägliche Meinungen sogenannter Experten bringen genauso wenig, wie die populistischen Schreihälse aus der Politik. Sagmal merkt ihr es nicht? Je lauter ihr Gewalt provoziert äh prophezeit, desto wahrscheinlicher ist es, dass diese auch eintritt? Wobei sie ja nichteinmal eintreten muss, das Hinspiel war im Grunde ja auch friedlich. Für Hausdurchsuchungen und ein mediales Echo wie nach einem Terroranschlag hat es aber dennoch gereicht. Und warum? Weil der eigene Anspruch von Horrorzuständen ja gewahrt bleiben muss. Das Spiel wird am Sonntag ohnehin scheinbar nur noch am Rande interessieren – alle werden schauen, was neben dem Platz passiert. Ein Bengalo? Oh, die Ausschreitungen gehen los! Schiebereien am Eingang? Versuchter Blocksturm! Betrunkene Schubsen sich auf der Straße? Handfeste Schlägereien. Spieler verweigern den Handschlag? Ein Fall für das Sportgericht! Schmähgesänge? Die Atmosphäre ist angespannt. Und so weiter und sofort.

Nein – mit Fußball hat das wirklich alles nichts mehr zu tun. Nur leider soll es das auch irgendwie nicht mehr haben.

Autor

Robin Koppelmann

freier Journalist, u.a. für die neue Braunschweiger Zeitung, abseits° Magazin, FanPresse-Sprecher, Fotograf im Innenraum des Eintracht-Stadions, Moderator der "Löwenrunde", Stadionsprecher der Eintracht U19 und U23 und nun auch bei brilleblaugelb.de

7 Comments

  • EinRoter sagt:

    Oh man, das tut richtig weh das aus euer Stadt die dinge besser gesehen werden als aus unserer… Respekt!

  • TUHDBTSV sagt:

    Moin,
    die Rivalität zwischen Vereinen ist ein hohes Gut. Diese Emotionen füllen den Fußballsport erst mit Leben und haben ihn so attraktiv gemacht. Wenn aus der Kurve „Tod und Hass dem BTSV“ oder „Alle Braunschweiger töten“ ertönt, ist dies der Ausdruck von Abneigung und nicht der Wunsch ein Leben auszulöschen. Frei nach Walter Ulbricht: ‚Niemand hat die Absicht einem Braunschweiger Gewalt anzutun.“ Die Wortwahl, ein paar Bengalos oder sonst ein Schabernack mögen dem ein oder anderem missfallen, berechtigen allerdings nicht dazu, die Fankultur in Hannover systematisch in ein schlechtes Bild zu rücken und im Endeffekt abzuschaffen. Unser toller Präsident tut alles um die Seele des Vereins zu zerstören und ein profitables Unternehmen zu etablieren. Das schlimme ist, dass die breite Masse der „Fans“ diesen Kurs mitträgt. Mittlerweile könnte ich schon sehr gut mit einem Abstieg leben, um diesem Kommerzwahn einhalt zu gebieten.
    Nächstes Jahr nen Derby in der 2.Liga ohne die ganzen Schönwetterfans wäre doch was.
    Rivalität entsteht aus Nähe!

    schwarz-weiß-grüne Grüße

  • Tony sagt:

    Ich ziehe meinen Hut vor Dir. Auch wenn ich 96er bin und euch nicht mal den Dreck unter dem Fingernagel gönne. Deine Worte treffen absolut ins schwarze und irgendwie bin ich Dir sehr dankbar für deine Zeilen. Diese Rivalität ist so alt wie die Liga selbst (wenn nicht älter) und ich liebe sie. Sicher gab / gibt es Geschmackliche komplett Entgleisungen (leider auf beiden Seiten) wie die „follow your Keeper“ Aktion, aber wenn man das mal ausblendet ist diese Rivalität das Salz in der Suppe der Liga.

    Es ist definitiv das Spiel der Rückrunde und es stimmt mich tief traurig das mein Verein so mit uns umgeht.
    Ich sehe es ähnlich wie Du. Wenn das alles so klappt wie es von den Verantwortlichen angedacht ist, ist es der Anfang vom Ende der Fankultur.

    Ich danke Dir nochmals für deine Worte und freue mich das selbst ihr in Peine-Ost in gewisser Weise Solidarität zeigt.

    In den Farben getrennt, in der Sache vereint.

    Schwarz-Weiss-Grüne Grüße aus dem Berchtesgadener Land 🙂

  • Wir schreiben Das Jahr 2020.
    Es steht das prestigeträchtige Niedersachsenderby an
    Das letzte Aufeinandertreffen vor 6 Jahren stand unter keinem guten Stern. Trotz der drastisch erhöhten Sicherheitsmaßnahmen kam es zu diversen Zwischenfällen. So wurde damals in beiden Blöcken verbotenerWeise Pyrotechnik gezündet. Auch wurden Fanutensilien des gegnerischen Vereins verbrannt. Durch die aggressiven Hassgesänge auf beiden Seiten sah sich die Polizei letztendlich genötigt mit Pfefferspray gegen die hartnäckigen Fans beider Lager vorzugehen. 11 Polizisten wurden zum Teil schwer Verletzt….

    Nachdem sich Staat und DFB einig waren, dass das Sicherheitskonzept auch in der Form nicht zum tragen kam führte der DFB folgende Änderungen ein:
    1. Grundsätzlich ist es gegnerischen Fans untersagt zu einem Auswärtsspiel zu fahren!
    Das Spiel wird per Videoleinwand in das gegnerische Stadion übertragen!
    2. Eintrittskarten können nur noch personalisiert mit Lichtbild und Fingerabdruck-Scan erworben werden.
    3. Zutritt zum Stadion nur in neutraler Kleidung.
    4. Fangesänge müssen 3Tage vor Spielbeginn von den Vollzugsbehörden genehmigt werden.
    5. Die Anzahl der Fahnen im Stadion wird auf 3 reduziert mit einer maximalen Größe von 30×20 cm
    6. Bei jeglichem Anfangsverdacht eines Verstoßes (z.B. zu lautes Anfeuern) wird ein sofortiges, lebenslanges Stadionverbot ausgesprochen!
    7. Alkoholverbot 72 Stunden vor und 24Std nach Spielbeginn.
    8…..

    Was jedoch nie veröffentlicht wurde: Bei dem Spiel in Braunschweig kam es zu keinerlei Ausschreitungen, Der Gebrauch von Pyrotechnik war im Vergleich zum Hinspiel nicht erwähnenswert. Der Polizeieinsatz war völlig unnötig und wie so oft in der Vergangenheit völlig überzogen. Die 11 Polizisten wurden bei einem Verkehrsunfall verletzt, da der Fahrer mit 2,7Promille am Steuer saß…..
    Und egal in welches Stadion man geht, es gibt immer dieses“Tod und Hass dem…“
    Der Fangesang des DFB/Kind und den vielen anderen Funktionären und Verbänden lautet: TOD UND HASS DER FANKULTUR

  • Gonzo blau gelb sagt:

    Moin, sehe das ähnlich wie viele andere hier. Egal wie groß die Abneigung doch ist, doch irgendwie braucht man sich auch. Konkurenz belebt nun mal das Geschäft. Überall sind immer nur die West, oder Süd Vereine im Gespräch. Endlich passier hier mal was im Norden. Egal wo die Reise für unsere Nordclubs hingeht, die Bundesliga und das positive mediale Interesse haben alle verdient. Ich wünsche keinem der Nordclubs den Abstieg. Die Spiele gegeneinander sollten wir solange wie möglich genießen.

    Think blau gelb

  • Ste Fan96 sagt:

    Guter Artikel. Schick ihn doch bitte mal den Scharfmachern von der HAZ. Wenn man denen glaubt wird der dritte Weltkrieg am kommenden Sonntag in BS beginnen. Die Berichte in der HAZ sind leider so einseitig wie Kriegsberichterstattung es auch immer ist. Die HAZ ist das Sprachrohr von Martin Kind und bietet keine objektive Berichterstattung mehr sondern nur noch Meinungsmache.

  • Frank sagt:

    Was ich an der ganzen Sache nicht verstehe: Wieso wird an dem Punkt der Busfahrt auf M. Kind eingeschlagen?
    So wie ich das der Presse entnehme hat Eintracht Braunschweig zusammen mit der Polizei zunächst die Karten (bis auf 600) zurückhalten wollen und die 96 Fans zum größten Teil damit von dem Spiel aussperren wollen.
    Erst nach verhandlungen und Intervention von hannover 96 (hier war aber wohl nicht Herr Kind sondern ein Herr Meier federführend) wurde der Kompromiss der geregelten Anreise (oder wie auch immer man das nennen mag) gefunden. Damit erhält Hannover das volle Kontingent von ca. 2200 Karten.
    Das mit den ehrenkarten war ein Einzelfall, weil hier ein Vater klagte, der mit seinen beiden Kindern aus gesundheitlichen Gründen zwar alle Auswärtsspiele, aber keine Busfahrten mitmachen kann.
    Desweiteren wird vermutlich der BTSVE sein hausrecht ausüben und u.U. alle nicht mit der gemeinsamen Busreise angereisten nicht in den Gäste fan-Block lassen.
    Ich denke man muss sich auch in einem solchen Blog mal genau an die Fakten halten.
    Beste Grüsse.

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