Auf ein Wort!!

Beitrag von | 14.August 2014 | Kategorie: Diaspora
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Stammtisch-Gedanken von den rheinländischen Eintracht-Fans

Und es gibt ihn doch! Einen Ort mitten in Köln, der Zuflucht verspricht. Einen Ort, wo es richtiges Bier, also kein Kölsch, gibt (und dann auch noch hausgebrautes Bier!). Einen Ort, wo keine Devotionalien in rot-weiß von der Decke baumeln und wo keine meckernde Stoffziege über der Theke thront. Einen Ort, wo nicht ständig der Fernseher mit Sky läuft.

Und insbesondere ist es ein Ort, wo die Gesprächsinhalte an den Nebentischen auch mal Themen wie Politik, Kultur oder Weltgeschehen anschneiden und nicht nur prolliges Niveau beinhalten wie: „Ey, du Doof, do bess draan mit Würfele!“ – „Ach loss mich in Ruh, ich dräum jraad vun nem 5:0 vum Äffzeh jäjen de Bayern.“

Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein, verkündete Goethes Faust, und hier stimmt das tatsächlich in dieser Gaststätte im Westen Kölns. Und was das Schöne ist: Hier kann man sich sogar als Eintracht-Fan outen, ohne direkt angemacht oder ausgelacht (warum eigentlich?) zu werden. Folglich also der ideale Treffpunkt für unseren „blau-gelben Stammtisch der rheinländischen Eintracht-Aktivisten“, um in gemütlicher Runde bei einigen gezapften Haus-Bierchen über Dies und Das zu quatschen.

„Mann, sind das wieder bescheuerte Ansetzungen! Danke DFL!“, höre ich V. zuletzt lamentieren. „Dienstags um halb sechs St. Pauli. Wie soll das denn gehen?“ „Na überhaupt nicht“, meldet sich T. „Da kann keiner von uns!“. „Ja, und Sandhausen daheim freitags“, jammert S. „Wer will denn schon Sandhausen sehen?“, wende ich ein. „Ich jedenfalls nicht, und schon gar nicht zu Hause!“. „Ist doch auch blöd. Wir haben eh nur zwei Spiele in Nordrhein-Westfalen, und davon ist das Erste in Düsseldoof schon gelaufen“, bedauert V. und nimmt einen kräftigen Schluck von seinem alkoholhaltigen Hopfengetränk. „Bleibt noch Bochum. Im Winter!“ – „Na, dann muss die Mutti wohl wieder die Woll-Unterhose aus der Schublade holen“, ergänzt T. und ruft nach hinten: „Wo bleibt denn der Nachschub?“

„Was ist denn jetzt mit Leipzig? Fahren wir hin oder boykottieren wir das wie die Ultras auch?“ Die Älteren am Tisch schütteln den Kopf. „Hör mal, wir waren in Hoisdorf, Hameln und Havelse. Da wollte keiner hin. Und was war? Alle warn se da“, wirft S. ein. „Außer Erich Honecka!!“, ergänzt T. „Und genauso machen wir das jetzt mit Leibsch. Oder sollen wir die Jungs im Stich lassen?“ Wieder Kopfschütteln. Wieder frisches Bier. Wieder lecker. „Public viewing wäre aber vielleicht auch cool. So mit allen im Stadion Fernsehen glotzen.“

V.´s Gedanken schweifen in die Ferne. Das kann wieder was dauern, bis er zu uns zurückfindet, denke ich noch. „Ich fahr doch nicht zum Fernsehgucken nach Braunschweig. Dann fahr ich doch lieber noch 200 Kilometer weiter nach Sachsen“, reklamiert S. „Und Sachsen machen Faxen“, wirft T. ein. Passt jetzt zwar nicht, stimmt aber. „Erstmal geht’s ja noch uff de Betze“, ergänzt P. mit mahnendem Zeigefinger. „Ach ja, stimmt.“ Jetzt fiel es allen wieder ein. „Ey Holgi, du alter Bergsteiger, du bist doch jetzt voll im Training seit dem Trainingslager von Eintracht. Du gehst zu Fuß den Berg hoch, und wir fahren mit dem Pendelbus hinterher“, schlägt S. vor. „Ihr habt se doch nicht mehr alle, mich in meinem Alter da zu Fuß hochzujagen. Ich bin zwar in Tirol den Berg öfter hoch, aber mit der Seilbahn. Trainiert haben wir da was anderes für unsere Kondition. Apropos: Peter, noch ne Runde!“ Ich und Sport…

„Mal abwarten, wie wir bei den Teufelchen abschneiden. Punkt wäre gut“, träumt P. „Ach was, drei Punkte müssen her!“ T. versprüht vollsten Optimismus. „Danach Bochum weghauen, und dann auf nach Leibsch. Und“, ergänzt T., „wir sind Niedersachsen und machen dann Faxen!“ – „Aber“, V. ist wieder gedanklich zurück, „wer fährt denn danach jetzt alles nach St. Pauli?“ „Ich denke, ich schon“, sagt T. „Muss vielleicht Schicht tauschen, aber geht bestimmt.“ „Ja nee, dann ich auch“, ergänzt S. „Ich hab noch jede Menge Überstunden und hab dann auch mein Auto hier“, fällt P. ein. „Prima, dann kannst du mich ja abholen“, höre ich mich sagen. Uups. „Und drei Tage später echt schon Heimspiel gegen Sandhausen?“, fragt S. „Yep, is so“, bekräftigt T. mit lautem Rülpser. „Okay, bin dabei“, sagt V. „Ich auch!“ „Na, und ich erst!“ P. und S. geben sich triumphierend alle Fünf. „Peter, wir verdursten!!“ „Okay, ich fahre“, sagt T., „aber du besorgst Bier!“, schiebt er in meine Richtung hinterher. „Geht klar!“, erwidere ich.

Wie gut, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Autor

Holger Hoeck

Zu Beginn seiner blau-gelben Leidenschaft Anfang der 80er Jahre trug er noch eine ganz normale Brille Marke Kassengestell. Die trug der Eintracht-Fan aus der Karnevalshochburg Köln auch noch, als er Ende der 80er Jahre meinte, die Eintracht-Fans durch die Produktion eines Fan-Zines namens „Eintracht auf Kölsch“ viermal im Jahr mit Artikeln über seine Eintracht-Touren malträtieren zu müssen. Erst nach sechs Jahren und über 20 Ausgaben hatte er endlich ein Einsehen und stellte sein Heft ein. Stattdessen trieb er sein journalistisches Unwesen später bundesweit durch die Mitarbeit an der überregionalen Fan-Zeitschrift „Match live“. Seine generelle Leidenschaft für die Historie von Fußball-Stadien und hierbei natürlich auch vom Eintracht-Stadion wurde erstmals Ende des 20. Jahrhunderts erhört, als er einige Artikel zum „Großen Buch der deutschen Fußball-Stadien“ (erschienen im Werkstatt-Verlag) beitragen durfte. Auch für die erweiterte Neuauflage des Buches im Jahre 2010 war er tätig und konnte neben dem Beitrag über die Heimat der Blau-Gelben die Geschichte von weiteren, mehr als 20 Stadien nachzeichnen. Zuletzt war es ihm schließlich auch vergönnt, am Aufstiegs-Sonderheft des „Abseits“-Magazins mitschreiben zu dürfen. Und da die Kassenbrille schon vor längerem Kontaktlinsen gewichen ist, ist nun auf der Nase genügend Platz, um sich die blau-gelbe Brille aufzusetzen.