Ein Amateurderby, das mehr Fragen als Antworten liefert

Beitrag von | 02.Oktober 2014 | Kategorie: FanSpiegel
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Ein Versuch, die Ereignisse vom U23-Derby zu rekonstruieren. Oder: Was sonst noch alles schief lief.

Es ist jetzt eine Woche her – das Amateurderby zwischen unserer blau-gelben U23-Mannschaft und ihrem Gegenpart vom Maschsee. Das Ergebnis ist bekannt, mit 1:4 musste sich die Bürger-Elf geschlagen geben. Sicher nicht schön, das Team rangiert damit aber weiter auf einem soliden Mittelfeldplatz in der Regionalliga Nord und scheint, im Gegensatz zum Vorjahr, mit dem Abstieg in dieser Saison wenig zu tun zu haben. Eine positive Entwicklung, die jedoch durch die Umstände des Derbys zuletzt wenig bis gar keine Beachtung fand. Gut 20 Minuten musste das Spiel im Eintracht-Stadion unterbrochen werden, am Ende beherrschten Bilder die Szenerie, in denen eine Polizei-Pferdestaffel über den Stadionrasen trabt. Ein Spiel, das auch eine Woche danach mehr Fragen als Antworten liefert. Der Versuch einer Annäherung.

Die Vorgeschichte zu dem Spiel ist bekannt und leicht erzählt. Seit dieser Saison boykottiert die aktive Fanszene in Hannoi die Spiele ihrer ersten Mannschaft und fährt folglich nur noch zum Regionalliga-Team. Dass sie das tun, hängt maßgeblich mit der Person Martin Kind zusammen – spätestens nach dem Pyro-Derby vor einem Jahr gegen unsere Erste, den repressiven Maßnahmen zum Rückspiel und dem Streit um die Dauerkarten zur neuen Saison ist das Tischtuch im Feindesland endgültig zerschnitten. Kind hat als Folge aus dem Hinspiel-Derby eine zumindest arg an der Grenze der Verfassungsmäßigkeit stehende Kollektivanreise für das Rückspiel abgenickt, sich damit den Unmut nahezu aller Fans zugezogen. Später kündigte er an, den bisher als Kernstandort der Ultras bekannten Oberrang mit personalisierten Tickets ausstatten zu wollen – spätestens jetzt lief das Fass über. Wichtig sei hierbei zu erwähnen, dass es aber nicht nur „die Ultras“ sind, die sich in Hannoi nun aus Protest auf den Amateurfußball beschränken. Neben den führenden Gruppen Ultras Hannover (UH) und der Brigade Nord sind auch viele andere Gruppen, Fanclubs und Einzelfans unter diesem Umständen nicht mehr bereit, Bundesliga-Spiele im ehemaligen Niedersachsenstadion zu besuchen.

So kam es, dass das Duell der beiden U23-Mannschaften also unter besonderen Vorzeichen stand: Egal wie das Spiel terminiert werden würde – es war klar, dass Fans aus H. anwesend sein werden. Das sonst übliche Verfahren einer zeitgleichen Ansetzung fruchtete da zumindest nichtmehr, lediglich der Anwesenheit eines Großteils der  Eintracht-Fans konnte man durch die Ansetzung des St. Pauli-Auswärtsspiels entgegenwirken. Dennoch kamen fast 1500 Zuschauer zu dem Spiel und dennoch kam es zu der eingangs erwähnten Unterbrechung. Doch wieso eigentlich?

Glaubt man dem, was derzeit so in der breiten Öffentlichkeit kolpotiert wird, dann stürmten gewaltsuchende Eintracht-Fans in der ersten Halbzeit gen Nordkurve, die Polizei musste einschreiten und das Spiel wurde unterbrochen. Fakten, die im Kern schon richtig sind, zu denen aber auch eine ganze Geschichte gehört. Und die kommt leider derzeit oft zu kurz.

Fakt ist, dass gut es 60 Autos mit rund 250 Personen aus Hannoi schafften, sich unmittelbar vor Anpfiff auf dem Real-Parkplatz an der Hamburger Straße zu sammeln. Eine schon fast beachtenswerte Leistung, schließlich waren wohl ungefähr 500 Polizisten den ganzen Tag im Einsatz, um eben genau das zu verhindern: Dass sich Hannoveraner Fans unkontrolliert durch Braunschweig bewegen können. Dass diese Möglichkeit tatsächlich drohen könnte, war spätestens klar, als in dem von der Szene Hannoi offiziell kommunizierten Zug fast keinerlei Problemklientel zustieg. Da nützte es dann auch wenig, dass Polizeikräfte den Pendlerverkehr zwischen beiden Städten damit aufhielten, fragwürdige Glasflaschenverbote damit durchzusetzen, indem einem x-beliebigen Arbeitnehmer das Feierabendbier im Zug verwehrt blieb und der Braunschweiger Bahnhof einer Festung glich. Denn zeitgleich schafften es eben die rund 250 Hannoveraner, sich auf dem Realparkplatz zu sammeln. Die im Internet kursierenden Bilder dieser Leute reichen aus, um sich auszumalen, dass diese dort weniger wegen der guten Parkplatzlage standen. Es waren vielmehr Leute, die in den Medien wohl gerne als „erlebnisorientiert“ geschildert werden. Umso schlimmer (oder fragwürdiger, je nachdem), dass es diese Leute schaffen konnten, sich derart unbemerkt zu sammeln.

Vielleicht hatte die Polizei aber zur gleichen Zeit auch andere Sorgen: Ein Shuttlebus, der die eher harmlosen Hannoveraner Zugfahrer vom Bahnhof gen Stadion transportieren sollte, kam nicht weit und sorgt jetzt für manche Verschwörungstheorie: Angeblich hatte sich ein angeblich ortsunkundiger Busfahrer der Verkehrs-AG (?) auf der Tangente verfahren.  Hannoveraner Fans öffneten daraufhin wohl alsbald mittels Notschalter die Türen, weil sie im überfüllten Bus keine Luft mehr bekamen. Die Polizei wertete dies als versuchten Ausbruch, verteilte Pfefferspray und hielt die Insassen des Busses daraufhin bis 22 Uhr auf der Autobahn fest. Sie fuhren nach Hause, ohne das Spiel gesehen zu haben. Eine Geschichte, die in vielen Versionen erzählt wird und deren Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte liegt. Denn Fakt ist, dass die Hannoveraner Fanhilfe, ein eigentlich seriöses Portal zum Umgang mit Rechtsfragen rund um den Fußball, die Insassen des Busses nun aufforderte, gegen die Polizei rechtliche Schritte einzuleiten. Ein Vorgang, der die Hannoveraner Version zumindest bestärkt, denn: Das echte Problemklientel war zur gleichen Zeit ja ohnehin auf dem Realparkplatz, warum sollte normale Fans also einen „Ausbruch“ wagen? Noch dazu auf der Tangente?

Nun denn, die Polizei fand zeitgleich eher zufällig durch einen Streifenwagen heraus, dass sich die Hannoveraner B- und C-Fans auf dem Parkplatz unmittelbar im Stadionumfeld sammelten und damit durchaus ein akutes Problem im Sicherheitskonzept darstellen würden. Doch was tun? Statt die Fans direkt wieder nach Hause zu schicken, sie einzukesseln oder zumindest über den eher ruhigen Mittelweg gen Stadion zu führen, führten die Beamten sie in einer Art Auto-Corteo direkt über die dadurch komplett abgesperrte Hamburger Straße gen Nordkurve. Das sorgte nicht nur bei den jetzt im Stau steckenden Berufspendlern für Ärger, auch die Eintracht-Fans, die sich obligatorisch an der Shell-Tankstelle bzw. an der Spektrum-Kneipe sammelten, staunten da wohl nicht schlecht. Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft, dass Ärger beim Vorbeifahren der Hannoveraner Autos hier vorprogrammiert war und so kam es zu Flaschenwürfen, die sicher alles andere als schön und tolerierbar sind – aber von vornherein absolut vermeidbar gewesen wären.

Denn eins ist klar – auch auf Braunschweiger Seite liefen an diesem Tag viele Personen herum, die sicher nicht zur harmlosen Normalszene gehören. Man muss jetzt nicht diskutieren, ob es „gut“ ist, dass es diese Fans oder meinetwegen Hooligans gibt – Fakt ist, dass es sie gab und gibt und entsprechend hätte sich von den Sicherheitskräften darauf eingestellt werden müssen. Ihr Hannoveraner Problempendant jedoch direkt an ihnen vorbeizuschicken, ist da wohl wenig hilfreich.

Und so kam es, dass eben jenes Eintracht-Problemklientel offenbar auf einmal eine ungeahnte Chance auf Konfrontationen witterte und sich spontan entschied, jetzt (doch?) das Stadion zu betreten und dort ihr sprichwörtliches Heil in der Flucht nach vorne zu suchen. Eine Aktion, die so wohl nicht geplant war – denn dafür verlief sie viel zu spontan und durcheinander. Anders ist nicht zu erklären, dass halb-vermummte Leute scheinbar ohne tiefere Strategie über die videobewachte Gegengerade rennen und auf halber Strecke kehrt machen. Geplante Hooligan-Auseinandersetzungen sehen anders aus, hier waren Leute offenbar schlicht angestachelt von ihrer eigenen Überraschung. Denn im Stadion standen lediglich ein paar Ordner zwischen den Blöcken, die Polizei war Fehlanzeige. Ein ziemlich bizarres Szenario und aus Sicht der Problemfans ein roter Teppich – wenn man bedenkt, dass die halbe Stadt einer Sperrzone gleicht, just im Stadion zwischen den Gästen und Heimfans aber lediglich eine Plane und zwei-drei Ordner stehen.

Dass es zu diesen Rennereien kam, muss nicht nur mit Blick auf die Spieler, denen so das Derby sicher nicht leichter gemacht wurde, absolut kritisch betrachtet werden – klar. Und dass sie aufgrund der erwartbaren Strafe auch dem Verein schaden, ist ebenfalls unschön – noch dazu, da ja immerhin das „eigene Stadion“ gestürmt wurde und damit im Zweifel auch eigene Ordner zu leidtragenden geworden wären. Dinge, die eigentlich gar nicht gehen, da sie natürlich auch das Vertrauen des Vereins in seine Fans erschüttern können. Aber wie schon gesagt: Natürlich liegt das erste Problem darin, dass es Gewaltpotential im Fußball gibt. Das zweite – und wohl an diesem Dienstag noch tragischere – Problem liegt aber darin, dass offenbar wenig Konstruktives getan wurde, dieses Potential einzudämmen.

Umso tragischer, was sich in der Folge entwickelte: Im Zuge der Rennereien wurde nach übereinstimmenden Zeugen- und Zeitungssberichten ein Böller gezündet. Dabei wurde zum Glück niemand verletzt, aber auch die wahnwitzigen Beschreibungen der Kollegin der Neuen Presse Hannover, die das Werfen von Bengalos gesehen haben will (Zusatzinfo: Die Dame war wirklich vor Ort!), stimmten vorne und hinten natürlich nicht. Es war ein Böller, der auch nicht auf die Polizei geworfen werden konnte – die war zu dieser Zeit ja wiegesagt noch überall, nur nicht im Stadion. Doch halt: Ein Beamter saß in zivil auf der Gegengerade und schien – wenn man den aktuellen Medienberichten glaubt – die Chance gekommen, sich zum Märtyrer machen zu können. Okey, das ist etwas polemisch formuliert – aber wenn ein Zivilbeamter sich diesen „Fans“ unter dem Halten einer Schusswaffe entgegenstellt, dann hat das schon etwas von Räuber und Gendarme.

Im Nachgang sagt die Polizei, der Zivilbeamte habe die Waffe gebraucht, weil er den Böllerwerfer identifiziert haben will und Freunde dessen Festnahme verhindern wollten. Eine Aussage, die im Grunde fast schlimmer ist, als die geschehenden Tatsachen selbst: Angesichts der Schnelle der Rennerei erscheint es schwer vorstellbar, dass der Beamte wirklich den Böllerzünder (so ein Ding hält man ja nicht minutenlang in der Hand fest) gesehen haben will. Es wäre also wohl ratsamer gewesen, sich Personen zu merken oder auf die Videobänder und Verstärkung zu warten, bevor Festnahmen o.ä. umgesetzt werden. Selbst wenn er ihn aber nun tatsächlich gesehen hat – seit wann rechtfertig der Wurf eines Böllers (Vergehen nach dem Sprengstoffgesetz, vermutlich mit Geldbuße zu ahnden), denn den Einsatz von Schusswaffen? Selbst wenn er sie tragen durfte, selbst wenn er im Dienst war – was beides nicht sicher ist – eine gezogene Schusswaffe auf einer mit über hunderten friedlichen Zuschauern besetzen Tribüne? Jetzt darf auch ein Fußballfan mal populistisch werden: Nicht auszudenken, was da hätte passieren können!

Gekrönt wurde diese ganze Aktion, durch eine Blocksperre für Block 9, die einem 14-jährigen Fan, der sicher nichts mit den Rennereien zu tun hatte, einen temporären Krankenhausaufenthalt einbrachte: Weil der Stadionsprecher irrtümlich die Blocksperre als beendet erklärte, die Beamten am Blockeingang davon aber nichts wussten, bekam der 14-Jährige, der eigentlich nur nach über einer Stunde im Käfig Block 9 nach Hause wollte, von einem Beamten einen ordentlichen Schlag in den Bauch und musste mit Rippenprellungen in die Notaufnahme. Ein trauriger Schlussstrich unter einen Tag, der wiegesagt mehr Fragen als Antworten liefern sollte.

Denn was bleibt als Fakten bestehen: Trotz eines immensen Sicherheitsaufkommens, einer Lahmlegung wichtiger Straßen und erheblichen Einschränkungen im Zugverkehr konnten 250 Hannoveraner Problemfans problemlos bis kurz vor das Stadion kommen. Davon offenbar angestachelt, rannten über 100 Eintracht-Personen über die Gegengerade und zündeten einen Böller. Verletzt wurde dabei niemand – selbst die Polizei räumt in der Zeitung ein, dass keine Anzeige gegen die Läufer geschrieben wurde. Mit Ausnahme des vermeintlichen Böllerwerfers – der jedoch im Gegenzug ebenfalls Anzeige erstattet hat, weil ihm eine Schusswaffe unter die Nase gehalten wurde. Ein sportlich eher mittelmäßiges Regionalliga-Spiel wurde für 20 Minuten unterbrochen, weil ein Polizei-Einsatzleiter, der offenbar endgültig die Kontrolle verloren hatte, am Ende sogar Pferde über die Tartanbahn des Stadions schickte. Als eine Situation, die so nie hätte passieren können, schon lange beendet war.

Jetzt über ein Hooligan-Problem im Fußball diskutieren zu wollen und mit immer neuen Verschärfungen der Gesetze zu drohen, ist sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen – ist aber angesichts dieser skandalösen Umstände viel zu einfach und daher falsch. Hier haben auch die Sicherheitskräfte ganz offenbar versagt, die sich diese Kritik nun ebenfalls anhören müssen. Sie hatten schon jetzt verdammt viele Möglichkeiten zur Prävention – und haben fast keine genutzt, so bitter diese Feststellung im konkreten Fall ist. Und da bringen auch neue Gesetze und eine weitere Verschärfung der Verschärfung des Kampfes gegen Fußballgewalt wenig, denn auch sie garantiert offenbar auch keine Sicherheit. Ein Umdenken ist vielmehr gefragt und das geht nicht mit repressiven Maßnahmen, sondern nur im Dialog mit den Fans. Denn, auch das ist keine Weisheit: Sie wissen am ehesten, was in der Szene passiert. Und daher geht es auch nicht ohne sie.

Damit bleibt eine Phrase zum Schluss: Man darf auf die Zukunft gespannt sein. Nur sollte man die Ursache für das Problem nicht nur bei dem Problem selbst suchen. Sondern auch bei denen, die das Problem auch wirklich zum Problem werden ließen.

Fotos: Bernhard Grimm

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Autor

Robin Koppelmann

freier Journalist, u.a. für die neue Braunschweiger Zeitung, abseits° Magazin, FanPresse-Sprecher, Fotograf im Innenraum des Eintracht-Stadions, Moderator der "Löwenrunde", Stadionsprecher der Eintracht U19 und U23 und nun auch bei brilleblaugelb.de

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