Augen zu und durch

Beitrag von | 15.Januar 2019 | Kategorie: Lage der Eintracht

Mal verloren wir, mal gewannen die Anderen. So verliefen die meisten unserer Spiele im vergangenen Jahr bis zum fulminanten Auswärtssieg in Cottbus. Beim Gastauftritt in Tschechien gewannen wir durch ein von uns bärenstark herausgespieltes Eigentor der Lausitzer mit 1:0. Anschließend nahm der Eintracht-Zug richtig Fahrt auf, so luchsten wir auch dem Team der Stunde in Karlsruhe einen Punkt ab. Damit sind wir seit dem 0:3 in Münster am 26.11. ungeschlagen und sogar Tabellenerster, wenn man die Tabelle dreht. Es ist alles doch eben nur Ansichtssache.

Auf der anderen Seite gibt es dann die Zahlen, die leider gegen uns sprechen und von Kritikern beziehungsweise selbsternannten Realisten nahezu aufgesaugt werden, um argumentativ überzeugend klarzumachen, wie schlecht es um unseren Verein bestellt ist. Noch nie gab es einen Verein in der dritten Liga, der solch einen Rückstand wie unseren aufgeholt hat und letztendlich nicht abstieg. Dem kann man nichts entgegen bringen. Aber was bringt es uns, darüber nachzudenken?

Als wir uns ein Jahr in der Bundesliga verirrten, hatten wir bis zum letzten Spieltag die Chance, uns trotz bis dahin sehr magerer Punkteausbeute den Klassenerhalt zu ergaunern. Das gelang nicht. Trotzdem hinterließ unsere Eintracht einen nachhaltigen Eindruck in Fußballdeutschland. Das lag nicht daran, dass wir die Gegner an die Wand gespielt haben.

Es war zum Beispiel das „You“ll never walk alone“ gegen den VfB Stuttgart zu Hause, als wir 4:0 zurücklagen, woraufhin unter der Woche hunderte Fans zum Training kamen, um die Mannschaft vor dem Auswärtsspiel in Wolfsburg erneut zu unterstützen, die das Spiel dann auch noch gewann. Es war ebenfalls der Derbysieg zu Hause gegen 95+1, der in der Art und Weise mit allem drumherum einfach beeindruckend war und in unseren Köpfen für immer hängen bleiben wird. Niedersachsenmeister!

Höhepunkt war dann sicherlich der Auftritt des Eintracht-Blocks nach dem Schlusspfiff am letzten Spieltag in Hoffenheim, als nach dem feststehenden Abstieg tausende Blau-Gelbe die Mannschaft minutenlang besangen. Das ist Eintracht mit alldem, was sie ausmacht.

Nun sind aber, im Gegensatz zum Wiederabstieg in die uns angemessene zweite Liga damals, tatsächlich schwere Zeiten angebrochen. Umso erschreckender sind die aktuellen Entwicklungen, die man im und um den Verein herum beobachtet. Die Pro- und Anti-Lieberknecht-Fronten, die sich zum Ende der letzten Saison mehr und mehr verhärteten waren dabei erst der Anfang.

Diejenigen, die seinen Rausschmiss forderten, bejubelten unseren neuen Coach Henrik Pedersen vor der Saison, um bei seinem Rausschmiss dann wiederum zu sagen, dass es wegen seiner mangelnden Erfahrung sowieso nichts werden konnte. Mittlerweile sitzt André Schubert bei uns auf der Bank und hat nach neun Spielen sogar einen schlechteren Punkteschnitt als sein dänischer Vorgänger. Ziemlich ernüchternd.

Jüngst wurden mit Kessel, Düker, Feijzic und Bär insgesamt vier Ex-Löwen zurückgeholt, da sie den Klub bereits kennen und somit wenig Eingewöhnungszeit benötigen. Die Kontinuität, die wir in den Vorjahren so hingenommen haben, lernt man jetzt erst so richtig zu schätzen. Bisher haben alle Korrekturentscheidungen in der Saison gezeigt, dass sie auf keinen fruchtbaren Boden stießen. Daher ist die Rolle rückwärts und das Einschlagen des komplett neuen Weges von jung zu altbewährt einfach nur die logische Konsequenz.

Schade, dass Christoffer Nyman dafür nicht mehr zur Verfügung steht. Er hätte uns für den Schlussspurt sicherlich gut getan. Genauso tut uns aber das Geld gut, das durch seinen Verkauf generiert wurde und nun reinvestiert werden kann. Den beiden anderen skandinavischen Zauberfußballern Gustav Valsvik und Frederik Tingager muss man nicht hinterhertrauern. Tingager hat seinen Vertrag bereits aufgelöst und einen neuen Verein gefunden. Bei dem ebenfalls komplett überschätzten Valsvik würde ich mich persönlich bereit erklären, ihn mit der Schubkarre zurück nach Norwegen zu kutschieren, damit sein Name endlich von der Gehaltsliste verschwindet.

Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sich auf den Weg einzulassen und die für alle besorgniserregende prekäre Situation positiv anzugehen. Viele Köpfe können nämlich nicht mehr rollen. Circa 25-30 Punkte müssen die Löwen in den kommenden achtzehn Spielen holen, also doppelt so viel wie in der Hinrunde, um die Klasse zu halten. Das ist natürlich ein ziemliches Brett, aber insgesamt auch nur eine Punkteausbeute, mit der man aktuell nach der Hinrunde auf einem guten Mittelfeldplatz stehen würde. Diesem Anspruch wird die jetzige Mannschaft, gerade mit den kürzlich geholten Verstärkungen und vor allem den erlösenden Abgängen, in jedem Fall gerecht. Die Pferdestärken müssen nur noch auf die Koppel gebracht werden.

Wir brauchen mit einem für Drittligaverhältnisse überdurchschnittlich guten Kader eine ordentliche Rückrunde, um den Supergau zu verhindern, nicht mehr und nicht weniger. So ist die neue Ausgangslage, an der sich nicht mehr viel ändern wird. Nun hat man immer noch Grund genug, nach der unterirdischen Hinrunde nicht an den Klassenerhalt zu glauben beziehungsweise nach Rückschlägen, die auch in der Rückrunde kommen werden, Kritik zu äußern.

Es muss dabei nur jedem klar sein, dass es nichts bringen wird. Denn es gibt keinen Hebel, der noch nicht umgelegt wurde und keine Kritik, der eine Veränderung folgen könnte. Unser Verein wurde komplett auf links gezogen. Geblieben sind wir, die durchschnittlich 17.000 Zuschauer, die Woche für Woche zum Tempel pilgern. Wir, die Fans, sind der Verein. In der Bundesliga demonstrierten wir Eintracht und verschafften uns einen Ruf. Nun sind wirklich schwere Zeiten angebrochen und es gilt mehr denn je zu zeigen, wofür unser Verein steht. Unabhängig davon, wo die Mannschaft nach 38 Spieltagen landen wird, werden einige Dinge erneut hinterfragt werden müssen.

Bis dahin heißt es aber: Augen zu und durch.

Einmal Löwe, immer Löwe.

Autor

Moritz Fischer