Auf ein Wort! “Scheiß Winterpause”

Beitrag von | 04.Januar 2015 | Kategorie: Diaspora
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Stammtisch-Gedanken von den rheinländischen Eintracht-Fans

Die Stimmung war alles andere als weihnachtlich. Aber sie näherte sich allmählich ihrem Höhepunkt. Der kleine Zeiger der schmucklosen Wanduhr schräg links vor mir hatte zwar erst vor wenigen Minuten die „Zehn“ hinter sich gelassen, aber gefühlt war es schon weit nach Mitternacht. „Teufelszeug!“, rief P., als er ein weiteres leeres Glas mit dumpfem Knall auf den Tisch hernieder sinken ließ, in dem sich vorher noch ein halber Liter dunkles Nikolausbockbier befand. „Aber verdammt lecker“, fügte T. hinzu. „Tolle Stammwürze und knapp 8 Umdrehungen!“

Gut, im Grunde laufen Weihnachtsfeiern von Betrieben, Firmenabteilungen, Schützenvereinen oder Kegelclubs auch nicht anders ab als unser traditionelles „Jahres-Kehraus-Treffen“ in unserer Ehrenfelder Stamm-Brauerei. Man füllt sich halt so lange ab, bis nix mehr rein passt und wankt bzw. fährt dann heimwärts. Allerdings bei uns mit den beiden feinen Unterschieden, dass wir zum einen keine Frau in unserer Runde hatten, auf die alle spätestens nach dem fünften Starkbier geil werden, und zum anderen tranken wir kein Kölsch, sondern anständiges Bier. Und das mit den Frauen – das konnten wir auch quer durch die kleine gemütliche Braukneipe. „Mann, hat die tolle Titten“, schrie V. weniger zu uns, sondern schon mehr in Richtung seiner Traumfrau am Tisch in der Ecke (bereits die fünfte an diesem Abend). „Noch ein bisschen lauter, dann brauchst du keine Silvesterknaller mehr“, räumte S. ein. „Dann sorgen ihre Tischnachbarn dafür, dass du heute schon Funken und Sternenblitze siehst.“

„Männer, was war das für eine merkwürdige Hinrunde!“. Ich wollte die Thematik ein letztes Mal anno 2014 auf den eigentlichen Hintergrund unseres regelmäßigen alkoholhaltigen Treffens lenken. „Stimmt!“, hakte sich P. argumentierend bei mir ein. „Vorm 60-Spiel waren wir schon fast aufm Abstiegsplatz, und paar Wochen später stehst du fast auf der pole position.“ „Nur der Audi fährt noch besser“, ergänzte T. „Dafür ham wer aber die Brausekacke hinter uns gelassen“, war V. stolz, das Leipziger Kunstprodukt über den Jahreswechsel auf Distanz gehalten zu haben. „Wollt ihr eigentlich wirklich zurück in diese langweilige Bundesliga?“, regte S. eine Diskussion parallel zur nächsten Rundenbestellung an.

„Bayern schlägt eh keiner und ist nach 25 Spielen Meister. Dahinter kommen die ganzen Werks- und Konzernvereine. Und die Champignon-Lieg-Teilnehmer. Voll öde!!“ „Außer Dortmund!“, wandte V. mit Schadenfreude ein. „Ach was, die werden am Ende bestimmt noch Sechster oder Siebter“, war sich P. schon heute sicher. „Dafür erwischt es dieses Saison einen der Großen“, prophezeite T. „Glaub ich nicht“, warf ich ein, „die DFL wird den Schiris schon mitgeben, Freiburg und Paderborn aus der Liga zu pfeifen.“ S. schüttelte den Kopf. „Na, die braucht ja auch kein Mensch in der 1. Liga!“ „Naja, aber Ingolstadt und Leibsch schon, oder was?“, erwiderte T. angesäuert. „Ihr habt meine Frage nicht beantwortet, ihr Jecken! Wollt ihr in so einer Langweil-Liga mitkicken?“

Wir waren uns einig. „Nööö!“ – und stießen zur Untermalung vehement mit fünf weiteren frisch gezapften Nikoläusen an. „Obwooohl“, P. musste hicksen, „2. Liga ist auch scheiße. Allein diese blöden Anstoßzeiten!“ „Stimmt zwar, aber hier spielen die geileren Clubs!“ Wollte T. sich die Liga schönreden und –trinken? „Und vor allem die megageile Verpflegung“, rief V., erneut etwas zu laut. „Auf dem Betze halbe Liter Wein und am Bornheimer Hang heißen Äppler! Geil!!“ „Das heißt schon seit einiger Zeit Volksbank-Stadion“, berichtigte S. „Ich freu mich schon auf Bochum“, sagte ich. „Im Ruhrstadion dürfte es auch richtiges Bier geben. So wie früher in den 80ern. Halbe Liter für 3 Mark. Das waren noch Zeiten.“ „Das heißt schon seit längerem Rewirpower-Stadion“, korrigierte S. erneut. „Und 3 Mark sind schon lange 3 Euro“, warf P. klugscheißerisch ein. „Aber Bochum ist noch lange hin“, erklärte T. „Ja, scheiß Winterpause! Was sollen wir nur die ganze Zeit machen, bis es wieder los geht?“, fragte S. resignierend.

„Na, das, was wir am besten können!“, erwiderte V. triumphierend, hob sein Glas und warf ihm liebreizende Blicke zu. Na, wo er recht hat, hat er recht.

 

Autor

Holger Hoeck

Zu Beginn seiner blau-gelben Leidenschaft Anfang der 80er Jahre trug er noch eine ganz normale Brille Marke Kassengestell. Die trug der Eintracht-Fan aus der Karnevalshochburg Köln auch noch, als er Ende der 80er Jahre meinte, die Eintracht-Fans durch die Produktion eines Fan-Zines namens „Eintracht auf Kölsch“ viermal im Jahr mit Artikeln über seine Eintracht-Touren malträtieren zu müssen. Erst nach sechs Jahren und über 20 Ausgaben hatte er endlich ein Einsehen und stellte sein Heft ein. Stattdessen trieb er sein journalistisches Unwesen später bundesweit durch die Mitarbeit an der überregionalen Fan-Zeitschrift „Match live“. Seine generelle Leidenschaft für die Historie von Fußball-Stadien und hierbei natürlich auch vom Eintracht-Stadion wurde erstmals Ende des 20. Jahrhunderts erhört, als er einige Artikel zum „Großen Buch der deutschen Fußball-Stadien“ (erschienen im Werkstatt-Verlag) beitragen durfte. Auch für die erweiterte Neuauflage des Buches im Jahre 2010 war er tätig und konnte neben dem Beitrag über die Heimat der Blau-Gelben die Geschichte von weiteren, mehr als 20 Stadien nachzeichnen. Zuletzt war es ihm schließlich auch vergönnt, am Aufstiegs-Sonderheft des „Abseits“-Magazins mitschreiben zu dürfen. Und da die Kassenbrille schon vor längerem Kontaktlinsen gewichen ist, ist nun auf der Nase genügend Platz, um sich die blau-gelbe Brille aufzusetzen.