Auf ein Wort!!

Beitrag von | 09.September 2014 | Kategorie: Diaspora
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Stammtisch-Gedanken von den rheinländischen Eintracht-Fans

Neulich in Peters gemütlichem Brauhaus. Andächtige Stille herrschte diesmal am Stammtisch der blau-gelben Getreuen, Region West.. P. war mit dem Herunterladen der neuesten Sinnlos-WhatsApp-Filmchen beschäftigt, T. blätterte lustlos im neuen Playboy, und S. versetzte sich zurück in den jüngsten Urlaub auf den Azoren. Alle Gedanken weit weg vom aktuell eher tristen Eintracht-Zweitligaalltag.

Wie so häufig verspätet, stand V. dann auf einmal im Türrahmen, schnipste den Rest seiner selbstgedrehten Kippe in Richtung des roten Mazda vor dem Eingang und verfehlte den Aufkleber „Ich dräum nuhr vum FC!“ nur um Haaresbreite. „Na, ihr Jammerlappen. Was ist hier denn los? Sind wir schon wieder abgestiegen oder was?“ – „Halts Maul!“ T. ließ seine Augen von Playmate Mia auf den unerklärlicherweise gut aufgelegten Drei-Tage-Bart-Träger schweifen. „Der Saisonstart war ja nun wirklich ziemlich mau. Da muss man ja nicht wie ´n Honigkuchenpferd grinsend dreinschauen, oder?.“ „Okay, okay“, erwiderte V., drehte sich zu Peter und orderte erst mal fünf Bier. Alle für sich. „Aber Kaiserslautern war dennoch geil!“ Kaiserslautern? Ach ja, da war ja was. „Wie seid ihr eigentlich zurückgekommen?“, fragte V. nach.

„Ich weiß nur noch, dass der dritte Halbe von dem pfälzischen Weißwein gepanscht gewesen sein muss. Ganz bestimmt!“, fiel mir wieder beim Gedanken an meinen Brummschädel tags darauf ein. Hätte mich so n Betze-Teufelchen in Schifferstadt nicht mit lautem Schrei abrupt aus meinen Erstliga-Träumen gerissen, wäre ich wohl noch bis nach Heilbronn gefahren. Und noch weiter. „Na, bis zum Auswärtsspiel beim FSV musste aber noch einiges trainieren, Holgi“, schob P. ein. „Da gibt’s dann wieder leckeren heißen Äppler!“ Stimmt, kommt ja auch bald. Das wirklich einzig Gute am Abstieg: Wir dürfen wieder zum Bornheimer Hang!

„Ihr solltet die Auswärtstouren ohnehin mehr vom kulinarischen Standpunkt betrachten“, holte V. weit aus. „Wenn wir in Ingolstadt spielen, ist doch noch Oktoberfest in München. Da können wir uns Samstagabend volllaufen lassen, machen die Nacht durch und nehmen auf dem Rückweg noch die drei Punkte mit.“ „Hey, V., warst du schon mal auf dem Oktoberfest?“, wollte S. wissen. „Nee, noch nicht. Da kommste ja in kein Zelt rein!“ – „EBEN!!!“, erwiderten alle unisono. „Und wenn du nicht reinkommst und keinen Sitzplatz hast, gibt s auch koa Bier“, wurde V. über die strengen Sitten auf dem Volksfest Nummer 1 aufgeklärt. „Na gut, dann trinken wir halt Ingolstadt leer und München erst drei Wochen später!!“ V. gab nicht auf. „Sind die Spiele eigentlich schon fest terminiert?“ – „Ja, beide sonntags.“ – „Ach, das ist ja blöd. Da kann ich ja gar nicht. Da bin ich ja angeln.“

Na, aber Hauptsache stundenlang die Tour planen. „Was machst du???“ P. fiel aus allen Wolken. „Du gehst angeln?“ – „Yep, seit wenigen Wochen!“, schob V. triumphierend ein. „Und, schon was gefangen?“, wollte S. wissen. „Na ja“, gab V. unumwunden zu, „ich hab da schon so ne süße MILF kennen gelernt. Die kommt da öfter mit ihrem Sohn vorbei. Könnte was geben.“ – „Mann, ich meine, ob du schon mal n Fisch an Land gezogen hast, nicht ne Olle!“ – „Ach so, ja klar. Doch, da hatte schon was angebissen. Hab ich aber wieder reingeworfen. Ich mag ja gar keinen Fisch.“

„Wie geht denn die kulinarische Reise weiter bis zum Jahresende?“ T. hatte den Spielplan immer noch nicht abrufbereit gespeichert. „Dann kommt noch Aue. Da gibt’s sogar ein Brauhaus. Dann die Äppelwoi-Tour zum FSV. Und in Karlsruhe warten dann wieder diverse Brauhäuser auf die durstige blau-gelbe Fanschar“, klärte ich die Stammtisch-Truppe auf. Mensch, über Bier reden macht ja richtig durstig. „Peter, ich…“ – „Schon klar!“ Der Brauhaus-Besitzer grinste sich einen. Er kennt uns ja und war bereits mit Zapfen beschäftigt. „Und dann folgt zum Jahresabschluss der Oberkracher mit Heidenheim und seinem weltberühmten Weihnachtsmarkt.“ T. stöhnt kurz auf und schob sich als wertendes Zeichen für diesen touristischen Höhepunkt den rechten Zeigefinger in seinen voluminösen Schlund.

„Tja, Augsburg kann ja nicht immer sein. Demnächst wieder“, schweiften meine Gedanken hoffnungsvoll in die Zukunft und danach seufzend in die Vergangenheit. Genau wie bei S., die wieder imaginär in die Welt der Azoren zurückkehrte. T. schüttelte kurz den Kopf und ließ diesen anschließend wieder auf Mias üppigen Vorbau hernieder senken. Und während das Piepsen von P.´s Smartphone die Ankunft eines neuen Filmchens ankündigte, leerte V. das letzte seiner fünf Gläser in einem Zug, murmelte was von „Na denn schon mal Frohe Weihnachten“, und ging raus eine rauchen. „Und diesmal treff ich!“, hörten wir ihn im Türrahmen noch zu sich selbst sprechen.

Wie gut, dass wir mal drüber gesprochen haben.

 

Autor

Holger Hoeck

Zu Beginn seiner blau-gelben Leidenschaft Anfang der 80er Jahre trug er noch eine ganz normale Brille Marke Kassengestell. Die trug der Eintracht-Fan aus der Karnevalshochburg Köln auch noch, als er Ende der 80er Jahre meinte, die Eintracht-Fans durch die Produktion eines Fan-Zines namens „Eintracht auf Kölsch“ viermal im Jahr mit Artikeln über seine Eintracht-Touren malträtieren zu müssen. Erst nach sechs Jahren und über 20 Ausgaben hatte er endlich ein Einsehen und stellte sein Heft ein. Stattdessen trieb er sein journalistisches Unwesen später bundesweit durch die Mitarbeit an der überregionalen Fan-Zeitschrift „Match live“. Seine generelle Leidenschaft für die Historie von Fußball-Stadien und hierbei natürlich auch vom Eintracht-Stadion wurde erstmals Ende des 20. Jahrhunderts erhört, als er einige Artikel zum „Großen Buch der deutschen Fußball-Stadien“ (erschienen im Werkstatt-Verlag) beitragen durfte. Auch für die erweiterte Neuauflage des Buches im Jahre 2010 war er tätig und konnte neben dem Beitrag über die Heimat der Blau-Gelben die Geschichte von weiteren, mehr als 20 Stadien nachzeichnen. Zuletzt war es ihm schließlich auch vergönnt, am Aufstiegs-Sonderheft des „Abseits“-Magazins mitschreiben zu dürfen. Und da die Kassenbrille schon vor längerem Kontaktlinsen gewichen ist, ist nun auf der Nase genügend Platz, um sich die blau-gelbe Brille aufzusetzen.