Auf ein Wort!!

Beitrag von | 10.Oktober 2014 | Kategorie: Diaspora
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Stammtisch-Gedanken von den rheinländischen Eintracht-Fans

Da standen wir nun, wir Deppen. Vor verschlossenen Türen! „Hab dir doch gesagt, dass Peter im Urlaub ist. Aber mir glaubt ja niemand“, suchte V. nach Anerkennung seiner Erinnerungsfähigkeit. Bekam er aber nicht. „Kann schon sein, dass er das zuletzt beim Kassieren erwähnt hat“, räumte P. ein. „Aber da war der Abend auch schon weit fortgeschritten.“ – „Nicht der Abend, sondern dein Alkpegel!“, warf T. ein. „Leute, das bringt ja jetzt alles nix. Lasst uns halt was anderes suchen. Ausnahmsweise“, schlug S. friedensstiftend ein. „Ich hab ne Idee!“ Alle schauten zu mir rüber. „Wir könnten doch ins TuS-Vereinsheim gehen. Das ist gar nicht so weit weg, und da gibt’s neben Kölsch auch Bier“, schlug ich vor. „Was denn? Etwa Astra aus der Flasche?“ T. musste schon würgen. „Ist doch egal“, sprang V. verbal dazwischen. „Hauptsache kein Kölsch. Na, worauf warten wir denn noch? Ich hab Duuuaaast!!“

Gesagt, getan, und schon keine 25 Minuten später (scheiß Raucherpausen!) waren wir am TuS-Sportplatz angekommen. „Hey cool“, sagte T. “Schau mal, die haben gleich sogar ein Kreispokalspiel. Na wenn das mal nicht Sahne ist…“ – „Aber erst in ner knappen Stunde“, ergänzte P. „Das sollte für ein bieriges Aufwärmen genügen.“ Im Vereinsheim waren die kölsch-seligen „Ich-bin-jeden-Abend-hier-weiß-aber-gar-nicht-warum“-Besucher schon kräftig dabei, ihren Frust von der Arbeit oder von der Ollen daheim weg zu litern, und schauten daher bei unserem Betreten nur gelangweilt zu uns „Fremdkörpern“ rüber. „Määähhh!“, gab V. von sich, als die Blicke der anderen auf ihm landeten. „Was soll das denn?“, wollte ich wissen. „Na, ich schleim mich bei denen ein. Jetzt meinen die bestimmt, ich fänd den Ziegenbockverein total supi. Und“, V. strahlte siegessicher, „vielleicht geben die uns gleich deshalb einen aus!“ – „Ich will aber nix von denen geschenkt bekommen. Blöde Ziegen, depperte!“, raunzte P. etwas zu laut. Kam mir jedenfalls so vor. Doch die Kneipenfreunde waren schon anderweitig beschäftigt. „Jupp, määhste mal den Tevau ahn? Gleich kütt doch de Schämmpinnjonglieg!“ Jupp tat, wie ihm befohlen. „Wer spillt denn hück övverhaup?“, wollte ein kleiner untersetzter Mann mit fettigen Haaren im „Kölle, wat für ne jeile Stadt“-Poloshirt wissen. „Keine Ahnung. Ess doch ejaal. Hauptsache Fußball live!“

Ein gegeelter Jüngling im besten zu-Guttenberg-Style ergänzte: „Meine Herren, heute spielen Leverkusen und Dortmund.“ Interessierte aber niemanden. S. schaltete sich jedoch ein. „In welchem Wettbewerb waren die letzte Saison denn eigentlich Champion?“ – „Wieso?“, fragte jemand zurück. „Naja“, S. stellte sich absichtlich dumm, „wenn die in einem Champions-Wettbewerb mitspielen, müssen sie doch auch Champion sein. Oder? Ergibt ja sonst keinen Sinn.“ Doch der Kölner diskutiert nicht gern, insbesondere, wenn ihm die Argumente fehlen. „Ach do häss doch keene Ahnung.“, kam daher als Erklärung lediglich zurück. „Und jetzt halt de Schnüss, de Interviews und Vorberichte fangen an!“ – „Kommt, trinkt aus! Das Spiel draußen fängt gleich an. Das schauen wir uns jetzt an“, schlug ich vor. „Gute Idee!“, rief T. „Ich hol noch schnell 10 Bier für die 1. Halbzeit.“ – „Geil“, ergänzte V., „ich nehm acht!“

Das Kreispokalspiel war dann eines der Besseren. Chancen auf beiden Seiten, und zur Halbzeit ein 2:2. „Nachschub!“, schrie P. „Holgi, du bist dran!“ Also alle rein ins Vereinsheim und ich an die Theke. Doch zunächst erlebten alle einen kleinen Schock, der mir jedoch schon häufiger passiert ist. Leider viel zu häufig. „Ey, sind die hier denn total behämmert?“ V. konnte kaum an sich halten. Aber er hatte recht: Während draußen rund 35 Zuschauer einen wirklich packenden Pokalfight erlebten, hatten sich inzwischen locker mehr als doppelt so viele Fernsehzuschauer in der Kneipe vor der Leinwand versammelt, um via Live-Konferenz über die aktuellen Spielstände in Ludogorets und St. Petersburg informiert zu sein. „Ey, ihr Jecken!“ Auch T. wurde laut. „Fernsehen aus und Sportplatz an!! Da draußen läuft ein echt geiler Pokalkrimi, und ihr hockt hier und glotzt Fernsehfussball!“

Doch niemanden interessierte sich für unsere Einwände. „Die spinnen“, warf S. ein. „Die fahren zum Sportplatz, und setzen sich dort vorn Fernseher, anstatt sich ´echten´ Fußball reinzuziehen.“ „Leute!“ Ich drehte mich mit zehn frisch Gezapften zu ihnen um. „Habt ihr das noch nie erlebt? Die Leute sind doch so bescheuert heutzutage. Überall! Bundesweit!! Raus zum Sportplatz, rein ins Vereinsheim. Und dann kräftig Wolfsburg gegen Hoffenheim im Fernsehen supporten anstatt draußen die Erste unterstützen, die es wahrlich nötig und verdient hätte.“ – „Ich glaub, ich muss gleich kotzen!“ V. drehte sich erwidert um, „und das liegt nicht nur daran, dass du Penner Kölsch geholt hast!“ Ooh, hab ich falsch bestellt… „Na komm, alle wieder raus!“ P. wollte eine rauchen. „WIR schauen uns jetzt weiter richtigen echten Fußball an!!“ Und der wies am Ende der regulären Spielzeit ein 3:3, nach Verlängerung ein 5:5 und nach Elferschießen ein 11:10 auf. „So was ist geil! Live dabei gewesen. Gut, dass wir raus gegangen sind und nicht wie die Idioten vor der Glotze geblieben sind.“ – „Stimmt schon“, schob T. nach, „aber hier will ich nicht nochmal hin. Zumindest nicht zum Saufen!“ – „Yep!“ V. hatte seine Übelkeit überwunden. „Nächste Woche ist Peter wieder da! Ein Glück!“

Autor

Holger Hoeck

Zu Beginn seiner blau-gelben Leidenschaft Anfang der 80er Jahre trug er noch eine ganz normale Brille Marke Kassengestell. Die trug der Eintracht-Fan aus der Karnevalshochburg Köln auch noch, als er Ende der 80er Jahre meinte, die Eintracht-Fans durch die Produktion eines Fan-Zines namens „Eintracht auf Kölsch“ viermal im Jahr mit Artikeln über seine Eintracht-Touren malträtieren zu müssen. Erst nach sechs Jahren und über 20 Ausgaben hatte er endlich ein Einsehen und stellte sein Heft ein. Stattdessen trieb er sein journalistisches Unwesen später bundesweit durch die Mitarbeit an der überregionalen Fan-Zeitschrift „Match live“. Seine generelle Leidenschaft für die Historie von Fußball-Stadien und hierbei natürlich auch vom Eintracht-Stadion wurde erstmals Ende des 20. Jahrhunderts erhört, als er einige Artikel zum „Großen Buch der deutschen Fußball-Stadien“ (erschienen im Werkstatt-Verlag) beitragen durfte. Auch für die erweiterte Neuauflage des Buches im Jahre 2010 war er tätig und konnte neben dem Beitrag über die Heimat der Blau-Gelben die Geschichte von weiteren, mehr als 20 Stadien nachzeichnen. Zuletzt war es ihm schließlich auch vergönnt, am Aufstiegs-Sonderheft des „Abseits“-Magazins mitschreiben zu dürfen. Und da die Kassenbrille schon vor längerem Kontaktlinsen gewichen ist, ist nun auf der Nase genügend Platz, um sich die blau-gelbe Brille aufzusetzen.